Veröffentlicht in Bildung, Politik

Corona, die Grippe und Verhältnismäßigkeit

Ca. 14.000 Corona-Infektionen in Österreich; ca. 350 Verstorbene. (Wobei jeder Mensch, der mit einem Coronavirus verstorben ist, als Corona-Toter zählt, nicht etwa als Krebs-Toter, wenn er auch Krebs hatte.)

Mein holländischer „Schwager“ äußert sich über derzeit ca. 22.000 Corona-Fälle in den Niederlanden und ca. 2.500 Corona-Tote fast schon abfällig: „In den Niederlanden sind im Winter 2018 mehr als 8000 Menschen gestorben wegen der damals herrschenden Grippe. Die Krankenhäuser waren überfüllt und manche mussten zum Aufnahmestop übergehen.“

Ein deutscher Arzt stellt der Bundeskanzlerin Merkel 5 kritische Fragen, die darauf hinauslaufen, dass die derzeit in Deutschland gesetzten Maßnahmen gegen die Infektion – ganz ähnliche wie in Österreich übrigens, allenfalls etwas „milder“ durchgeführt als in Österreich – völlig überzogen seien; die Freiheitseinschränkungen seien nicht zu billigen, völlig unnötig und unverantwortlich. Corona: nicht schlimmer als eine Grippe.

Die „Spanische Grippe“ war eine Influeza-Pandemie – garniert mit bakteriellen Folgeinfektionen, die laut Schätzungen 27 bis 50 Millionen Menschenleben kostete – um Größenordnungen mehr als Corona gekostet hat.

Haben wir tatsächlich das Maß verloren?

Corona vs. Grippe

Die „Spanische Grippe“ – unter amerikanischen Soldaten „three day fever“ genannt, weil sie im Normalfall nach 3 Tagen vorbei war – brach 2018 noch im Weltkrieg aus und wütete in 3 Wellen in der Nachkriegszeit bis 1920. Da hatten Menschen auch noch andere Probleme. Obwohl die Folgen etwa 1% der damaligen Weltbevölkerung das Leben kosteten! Dieses eine Prozent ging in den Wirren der Nachkriegszeit zum Teil unter. Naja: eine Grippe eben, immerhin eines Namens würdig. (Sehr viele Opfer dürften auf das Konto bakterieller Nachfolgeinfektionen gegangen sein: Antibiotika gab es noch nicht.) Corona hingegen trifft China, Europa, die USA „im Frieden“ (naja: was man so „Frieden“ nennt) und in einer modernen Mediengesellschaft – und bekommt die volle mediale Aufmerksamkeit.

Jede Grippewelle kostet auch Menschenleben – vor allem unter geschwächten Menschen. Aber nicht jede Grippewelle ist eine Pandemie. Die holländische Grippe von 2018 war aus der Sicht meines Schwagers ein holländisches Problem – in Wirklichkeit war es auch Teil einer Pandemie. Wir haben mit Grippe aber zu leben gelernt; mit Corona noch nicht. Corona ist eine Pandemie und es ist absehbar, dass sie den ganzen Globus überziehen wird. Wir können dabei zusehen. Dort, wo Krieg ist und Hungersnot, entstehen kaum Krankheitsmeldungen: die Menschen haben dort andere Sorgen. Vermutlich ist Corona schon dort, aber es merkt keiner. Coronavirus in Syrien? – Nichts (kaum etwas) davon gehört.

Neu an Corona ist die gute Dokumentation der Krise. Erinnern Sie sich noch an SARS 2002/2003? Auch ein Coronavirus, auch eine Pandemie. Ca. 800 Todesopfer weltweit. Ich kann mich kaum daran erinnern, habe das damals kaum beachtet. SARS-CoV-2 ist viel besser dokumentiert, ist ein Medienereignis, und wir können berechnen, wie viele Intensivbetten wir unter welchen Voraussetzungen brauchen. Wir hören, wie sich die Lungenkrankheit CoViD-19 anfühlt – und es klingt schrecklich. Wir wissen, dass die harte Form der Krankheit nur relativ wenige treffen wird – aber wir sehen, dass diese „relativ wenigen“ in vielen Ländern immer noch viel zu viele sind, um sie menschlich gerecht behandeln zu können, weil die Gesundheitssysteme ausgelaugt und ausgehungert sind.

Fazit: Hammer und Tanz

Das Virus SARS-CoV-2 ist betrogen. Es verbreitet sich mittelmäßig schnell – aber man ist infektiös, wenn man sich noch gar nicht krank fühlt. Es sind – laut der heute vorgestellten Untersuchung der Republik, des Roten Kreuzes und SORA – erst etwa 0,33% der Bevölkerung infiziert – man hat also in der repräsentativen Stichprobe von 1.544 Befragten exakt 5 Infizierte gefunden. Fast niemand in Österreich hatte bisher also Kontakt mit dem Virus. Das Virus tut meistens nichts oder nichts Arges – nur in etwa 1-2% der festgestellten Infektionen wird es lebensgefährlich, und das wird es dafür schnell. Wenn es im Rachen bleibt, ist es harmlos wie eine Grippe; in der Lunge wird es rabiat.

Ich glaube, die Politik des „Hammers“ gegen Corona war richtig. Zustände wie in Frankreich, Spanien, Italien – und wie es sie in den USA und im UK geben wird – wollen wir nicht, können wir nicht wollen. Auch nicht Zustände wie 2018 bei der Grippewelle in Holland: „Aufnahmestop“, 8.000 Tote. Wir haben dafür Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt und viele Geschäfte, die man machen hätte können, verhindert. Ich glaube, es war in Summe richtig.

Wir müssen nun zum „Tanz“ übergehen: zum Wiederaufbau mit genauer Beobachtung der Krankheitszahlen, mit gezielten, zeitlich begrenzten Maßnahmen dort, wo es nötig ist – mit breiten Messungen, vor allem bei Menschen, die mit der Krankheit beruflich in Kontakt kommen, um diese Menschen zu schützen; mit einer breiten Gesundheitspolitik, die alle Menschen einschließt; und mit Forschung: medizinischer, virologischer, epidemiologischer. Und in Zusammenhang damit müssen wir uns der Klimakrise zuwenden und unsere Gesellschaft klimaschutzgerecht und gesundheitspolitisch verantwortlich umbauen.

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deepthought
deepthought
6 Monate alt

ich glaube, die schrittweise öffnung mit beginn 14. april, in der geschäfte unter 400qm öffnen dürfen, wird zeigen, ob sich die zahlen weiterhin in grenzen halten (rückläufig werden sie wohl nicht sein, wenn vielen beschäftigten und leuten die einkaufen wollen ein „normaler“ alltag vorgegaukelt wird) und das ist wichtig, um zu sehen, ob es sinn macht, mit 1.mai komplett hochzufahren. ich denke, das provoziert eher die „zweite welle“ und dann wird das neu ausdiskutiert.