Veröffentlicht in Bildung, Politik

Eine „Raucherregelung“?

In österreichischen Schulen herrscht Rauchverbot. Nicht nur im Schulhaus, sondern auch im Schulgelände. Auch wenn man erwachsenen SchülerInnen (und LehrerInnen) ein Raucherplätzchen im Schulhof zuweisen würde: es wäre gegen das Gesetz. Das Tabakgesetz.

Auch am Abendgymnasium Innsbruck gibt es RaucherInnen. Es gibt zwischen 20.15 und 20.25 10 Minuten Pause und seit vielen Jahren strömen da die jeweiligen RaucherInnen zum Rauchen irgendwohin. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da standen sie noch im Hof, rauchten und das war noch legal. Ich stand manchmal dabei und rauchte auch. Heute rauche ich schon lange nicht mehr und bin Direktor und muss die RaucherInnen aus dem Schulgelände hinaus befördern.

Es ist mir fast gelungen. Mit viel Geduld, viel Erklärung – mit Rundmails an alle: dass wir das Haus auch mit den SchülerInnen der Tagesschule teilen, dass nicht einzusehen ist, dass 10jährige, 11jährige ihre Schule am Morgen über Zigarettenstummel vom Abend davor betreten müssen, durchaus auch mit gelegentlicher persönlicher Präsenz: höflich,  humorvoll, aber bestimmt, ist es mir gelungen zu erreichen, dass die RaucherInnen der Schule in der 10-Minuten-Pause das Schulgelände verlassen. Im Normalfall. Das ist heute bei uns selbstverständlich; ein großer Sieg, ein kleiner Triumph. Aber was ist, wenn wirklich schlechtes Wetter ist? Hagel oder Starkregen? Da geht niemand freiwillig aus dem Schulgelände hinaus.

Für diese Fälle bin ich den RaucherInnen einen kleinen Schritt entgegen gekommen. Ich toleriere in diesen Fälle das Rauchen im Einfahrtsbogen – aber nur, wenn die Aschenbecher benutzt werden, wenn also danach keine Stummel am Bogen liegen.

Es funktioniert. Dieses Semester habe ich nur mehr 2 Rundmails gebraucht: eines, um die neu aufgenommenen Studierenden von der Regelung zu informieren; eines um daran zu erinnern. Bei normalem Wetter verlassen die RaucherInnen von selbst, aus Einsicht (!?!) das Schulgelände. Bei Schlechtwetter rauchen sie in der Einfahrt und verwenden die Aschenbecher.

ABER

Ich bin da als Direktor irgendwie „neben“ dem Gesetz. Ich erlaube das Rauchen im Schulgelände nicht; das könnte und dürfte ich nicht, aber ich toleriere es unter ganz bestimmten Bedingungen. Und das funktioniert.

Die Regelung gefällt aber nicht allen. Am 6.11. bekomme ich um 20:10 von einem engagierten Studierenden ein Mail:

Lieber Herr Dir. Mag. Michael Bürkle!

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch!

Es ist Ihre Schule und Sie sind der Boss,- aber ich erlaube mir dennoch anzumerken, dass ich persönlich es bei aller Rücksichtnahme auf alle Studierende, (so auch auf die Raucher) es nicht optimal finde, dass überhaupt am Schulgelände geraucht werden darf.

Nennen wir das Baby doch beim Namen:
Verlangen-Abhängigkeit-Sucht-organische Erkrankungen-Krebs-schwere Krankheit-Tod!
Rauchen kann tödlich sein! Rauchen verursacht Krebs! Das ist wissenschaftlich genauso belegt wie die Folgen des Klimawandels!

Muss ich Ihnen ja nicht erklären, – aber aus genannten Gründen sollte daher in einer modernen Schule Nulltoleranz gegenüber Zigaretten, Nikotin, etc. herrschen!

Wir haben außerdem auch sehr viele junge Studierende an der Schule, die sogar unter 18 sind,- wenn ältere Studierende rauchen, wirkt das unter Umständen animierend.
Die Nichtraucher werden zu Passivrauchen, weil diese ja an den Rauchern vorbeigehen.

Weil auch mit einem Kompromissangebot wird ja letztlich den Rauchern die Befriedigung ihrer tödlichen Sucht ermöglicht,- an öffentlichen Einrichtungen darf dafür kein Platz sein!

Weil die beste Bildung langfristig viel weniger nützen wird, wenn man früher oder später an den schweren Folgen des Rauchens zu kämpfen haben wird.

Ich mein es echt nur gut,- ich versuche als politischer Aktivist für das Wohl meiner Mitmenschen nach besten Wissen und Gewissen Sorge zu tragen.

Mit besten Grüßen […]
Ihr
xy

Tja! xy hat natürlich im Prinzip und theoretisch recht. Trotzdem möchte ich unsere „Lösung“ verteidigen. Natürlich sind die Einwände ernst zu nehmen. Ich antworte um 20:57 mit diesem Schreiben:

Lieber, sehr geehrter Herr xy,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Sie löst einiges an Gedanken aus.

Zunächst: die Schule „gehört“ mir nicht, es ist insofern nicht „meine“; ich fühle mich auch nicht als „Boss“. Ich bin „nur“ ein Direktor, der an Gesetze gebunden ist und dabei einen gewissen Gestaltungsspielraum hat, den ich gerne mit anderen teile und gemeinsam gestalte.

Was wäre die Alternative? Alle RaucherInnen müssen bei jedem Wetter das Schulgelände verlassen, wenn sie rauchen wollen. Das kann nur mit Druck erreicht werden: wir brauchen dann „Raucheraufsichten“, die rauchende Menschen bei Wind und Wetter, bei Hagel und Starkregen aus dem Schulgelände drängen. Das würde wohl auch zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen führen – und hoffentlich würde es auch bei verbalen bleiben. Wir hatten das schon; vor Ihrer Zeit. Es hat nicht wirklich funktioniert.

Derzeit verlassen die RaucherInnen im Prinzip das Schulgelände. Mehr oder weniger von selbst, aus Einsicht. Da habe ich ein großes Ziel erreicht. Dafür komme ich den RaucherInnen einen kleinen Schritt entgegen – aber nur, wenn die Aschenbecher benutzt werden. (Das ist mir sowieso das wichtigste. Ich will nicht, dass die Schule verdreckt. Süchte heilen kann ich nicht.)

Ich bin in manchen Dingen durchaus für „Nulltoleranz“. Gegenüber Rassismus zum Beispiel, gegenüber Nazitum, altem und neuem, gegenüber Sexismus. (Gegenüber jeder Form von Abwertung „anderer“ Menschen, die in irgendeiner Hinsicht „anders“ als der mainstream sind.) Rauchen ist aus meiner Sicht eine Schwäche, eine Sucht. Das ist eine völlig andere Kategorie. Rassisten, Nazis, Sexisten tun mir nicht leid; RaucherInnen im gewissen Sinn schon. Mit absoluten Verboten jage ich sie aus der Schule und auch von der Schule; mit einer geschickten „Politik“ helfe ich vielleicht zu einem vernünftigen Verhältnis zum Suchtmittel, im Idealfall zum Überwinden der Sucht. Süchtige sind letztlich Suchtkranke. Also Kranke .

Einig sind wir uns sicher im Bemühen „für das Wohl unserer Mitmenschen nach besten Wissen und Gewissen Sorge zu tragen“. Nur die Wege sind etwas verschieden. Die „beste Bildung“ hilft auch nichts, wenn ich Leute wegen ihrer Sucht dazu bringe, diese Bildung zu verpassen. „An öffentlichen Einrichtungen darf dafür kein Platz sein“ – auch nicht auf der Straße? Die ist auch öffentlich. Was soll noch alles im öffentlichen Raum verboten sein? Bier trinken? (Steht bereits zur Debatte.) Kaffee trinken? (Wird noch nicht vertreten. Obwohl Koffein …) Wie viel Verbot ist noch konstruktiv, wo werden Verbote kontraproduktiv? Dass Chicago einmal eine Hochburg des Gangstertums war, lag auch am allgemeinen, de facto nicht durchsetzbaren Alkoholverbot („prohibition“).

Meines Erachtens geht es auch um lebbare Kompromisse.

Mit freundlichen Grüßen
michael bürkle

Mal sehen, was sich entwickelt … Es entwickelt sich schnell … Schon um 21:13 habe ich die Antwort da:

Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, wenn mein Mail negativ angekommen sein sollte!

Das war mit Sicherheit nicht meine Absicht!

Ich wollte hier aber wirklich nur meine Gedanken einbringen,- ich habe auch klar geschrieben, dass mein Mail keinesfalls als Kritik aufgefasst werden sollte.
Im Gegenteil: ich finde es sehr lobenswert, dass Sie stets an einer Lösung für alle Beteiligten bemüht sind.

Das ist ein sehr schwieriges gesellschaftspolitisches Thema,- wie bereits erwähnt, – ich habe nur meine persönliche Sicht einbringen wollen,- Politik lebt auch vom Miteinander, auch wenn mitunter  teilweise sehr gegensätzliche Ansätze oder Meinungen aufeinander prallen. In einer Schule ist das wohl ähnlich!

Beste Grüße
xy

Ich sehe Chancen auf die Beibehaltung eines für alle akzeptablen Kompromisses und schreibe um 21:30:

Lieber Herr xy,

Ihre Mail ist keineswegs „negativ angekommen“: sie hat mir Gedanken gemacht. Vielen Dank dafür, das habe ich ganz am Anfang schon geschrieben. Kein Grund sich für irgendetwas zu entschuldigen.

Ich denke, wir sind in unserer Position gar nicht so weit von einander entfernt. Als „Boss“ könnte ich kommandieren; mir gehts eher um Lösungen für alle Beteiligten – da fühle ich mich von Ihnen sehr gut verstanden.

Ihre persönliche Sicht ist – das ist aber selbstverständlich! – völlig legitim. Wir sind halt im strategischen Ansatz nicht ganz der gleichen Meinung. Das darf sein.

Schönen Abend, bis bald
mb

Damit ist für mich die Sache zunächst abgeschlossen. Aber noch nicht ganz. Um 22:52 trifft noch ein:

Ich danke Ihnen für Ihre Worte!

Und Ihre Argumente sind für mich auch sehr verständlich und nachvollziehbar!

Beste Grüße
xy

Konflikte können etwas sehr Produktives sein. Wichtig ist, auch die Gegenstimme absolut ernst zu nehmen. Dann sind neue Qualitäten möglich.
[Selbstverständlich habe ich mir bei xy das Einverständnis auch für eine anonymisierte Veröffentlichung geben lassen.]

einladung zur diskussion. alle sind gescheiter als einer.

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