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Die nicht-so-vorwissenschaftliche Arbeit

Als Direktor musste ich auch zu Entwürfen – und zu Endformulierungen – sogenannter „Vorwissenschaftlicher Arbeiten“ Stellung beziehen. Das ist im Normalfall kein besonderes Problem: die Studierenden legen einen Entwurf vor; die betreuende Lehrperson tritt in einen Dialog, und bald kommt der Entwurf zum Direktor, der auch noch etwas dazu sagen darf, ja sogar den Entwurf zur Überarbeitung zurückweisen kann.

Am Abendgymnasium hatten wir da keine großen Probleme: unsere Arbeiten sind im Schnitt sehr solide und seriös und durch Lebenserfahrung gekennzeichnet. Ich kann das beurteilen: ich war Maturavorsitzender an 3 anderen Gymnasien und die Arbeiten dort waren nicht besser als die unserer berufstätigen Studierenden – eher im Gegenteil. Ich habe an allen 3 Schulen sehr seltsame Dinge gesehen. Die Highlights waren eine VWA über die Erzengel Gabriel, Michael und Raphael (an einer katholischen Privatschule unter Betreuung des Religionslehrers), eine VWA mit einem Literaturverzeichnis aus bit.ly-Links und eine „Untersuchung“ über Computer-Spiele als „Doku“ eines Spieleabends.

Die nicht genehmigte Modulprüfung

Am Abendgymnasium haben wir uns ein Fach „Vorwissenschaftliches Arbeiten“ hergestellt, in dem man lernen kann, wie man eine Vorwissenschaftliche Arbeit verfasst. Das Fach besteht aus einem einzigen Modul mit einer einzigen Semesterwochenstunde: also recht wenig. Aber weit besser als nichts.

Letztes Semester beantragte ein Studierender eine Modulprüfung über das Modul VWA, weil er der Meinung war, dass er den Stoff bereits beherrschte. (Er war aus einem anderen Gymnasium zu uns gewechselt, hatte aber kein entsprechendes Fach vorzuweisen.) Ich schaute mir den Antrag an und fand ihn zu „dünn“ und lehnte ihn ab. Ich glaubte, dass der Studierende diese Ausbildung braucht. Darauf legte er den Antrag noch einmal vor und schloss ihm einen fertigen englischen Text (ca. 30 Seiten) als „pre-scientific essay“ bei, um zu beweisen, dass er wisse, wie so eine VWA aussehe.

Ich las mir den Text an und fand ihn sehr seltsam: an sich gutes Englisch (besser als die Englisch-Noten der ehemaligen Schule erwarten ließen); in der Gliederung erratisch – ein buntes Mischmasch an Textteilen ohne für mich erkennbaren Zusammenhang; in den Formulierungen oberflächlich „g’scheid“ mit vielen mir z.T. unbekannten Fremdwörtern, aber im Einzelnen vielfach kaum nachvollziehbar. Ich dachte nach. Sollte ich mir die Arbeit machen, diesen Text im Einzelnen durchzugehen? Das würde mich Tage oder Wochen kosten. Die Zeit hatte ich nicht.

Nach einem Tag hatte ich für mich die Lösung. Mit der Vorlage eines „fertigen“ Texts hatte der Studierende eben nicht nachgewiesen, was eine VWA ist, sondern, dass er nicht versteht, was eine VWA ist. Eine VWA ist in Österreich das Ergebnis eines Schreib- und Dialogprozesses, in dem auch eine betreuende Lehrperson eingebunden ist und in dem diese Betreuung von beiden Seiten auch dokumentiert wird. Ein a priori „fertiger“ Text ist keine VWA.

Also habe ich den Antrag auf eine Modulprüfung noch einmal abgelehnt. Davor konsultierte ich noch meinen Administrator und fragte ihn nach seiner Meinung. Er sah das gleich wie ich … und legte mir am nächsten Tag eine scheinbar wissenschaftliche Arbeit vor, die „g’scheid“ klang (Titel: On the Negativity of Pythagoras Random Variables) und bei der er und ich gemeinsam Autoren waren. Er hatte das über Nacht herstellen lassen. Man kann sich heutzutage im Internet „g’scheid“ aussehende und klingende Texte zu einem Netz an Begriffen maschinell generieren lassen. Das hatte ich so noch nicht gewusst. (Und sogar einigermaßen professionelle Institutionen lassen sich bisweilen von automatisch generiertem Unsinn täuschen.)

Es kam dann noch zu einem langen Gespräch mit dem Studierenden, in dem ich ihm meinen Standpunkt erklärte (dass ein Text, dessen „Genese im Dunkeln“ liegt, keine VWA sein könne) und das er dann recht abrupt mit einem lauten Türgeräusch verließ.

Nun liegt die Arbeit vor …

Nun ist die Arbeit eingereicht und ich habe sie als eine meiner letzten Amtshandlungen als Direktor zurückgewiesen, indem ich einige sich mir aufdrängende Fragen zur Konzeption der Arbeit stellte. Der Autor trat wieder in Diskussion mit mir und wollte mich vom Sinn seines Unternehmens überzeugen. Ich habe heute – also nicht mehr als Direktor – darauf geantwortet:

Sehr geehrter Herr …,
ich bin seit ca. 12 Stunden nicht mehr Direktor und nicht mehr für Ihre VWA zuständig.
Wenn Sie versucht haben, mir Ihr VWA-Konzept zu beschreiben, ist das insofern misslungen, als ich diesen Versuch nicht verstanden habe. Es hat keinen Sinn, mir Ihr Konzept nochmals zu beschreiben. Ich denke durchaus, dass Sie ein ganz neues Thema wählen sollten – das ist aber mittlerweile der Rat eines Außenstehenden.
Nehmen wir Ihren Begriff eines „prädiktiven Vektors“. Ein Vektor ist mathematisch zunächst das Element eines Vektorraums. Das bezieht sich auf Rechenprozesse, die mit „Vektoren“ möglich sind. Ein Vektor beschreibt auch in der naiven geometrischen Veranschaulichung nicht eine Strecke – eine Strecke ist kein Vektor. Sie bezeichnen einerseits „Verhaltenswerte“ als Punkte, andererseits Standpunkte als Punkte, als Anfangs- und Endpunkte eines Vektors. Das ist m.E. Unsinn. Verhaltenswerte und Standpunkte sind (a) nicht Punkte im geometrischen Sinn (und auch nicht unmittelbar mit solchen vergleichbar) und es sind (b) vor allem völlig verschiedene Dinge, nicht nur wie Äpfel und Birnen, sondern (z.B.) wie Äpfel und Bremsflüssigkeit. Der Sachverhalt, dass ein Standpunkt und ein „Verhaltenswert“ verschieden sind, definiert nicht einen Vektor. Sondern einfach einen Unterschied.
Unsere Wahrnehmung sei auf Vermutungen und Erwartungen aufgebaut – auch das ist m.E. grob simplifizierender Unsinn, nicht völlig falsch, aber auch nicht wirklich richtig. Vor allem nützt diese „Erklärung“ nichts für eine Definition eines Begriffs „prädiktiv“ oder „prädiktiver Vektor“.
Usw. usf.
Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mit Ihren Formulierungen Sachverhalte geistreich formulieren wollen, aber für mich ist das nicht nachvollziehbar; ich konnte damit nichts anfangen und sehe keine VWA sinnvoll konzipiert.
Ihre Arbeit sei „wie ein Puzzle aufgebaut“. Tut mir leid: „Puzzle“ ist keine geeignete Textsorte für eine Vorwissenschaftliche Arbeit. Sie sollen keine Rätselbilder erstellen, sondern einen nachvollziehbaren Text schreiben. Wenn ich mir viel Zeit nehmen könnte, könnten wir in dieser Art Ihren gesamten vorgelegten Text durchgehen: dazu habe ich aber nicht die Zeit – und, mit Verlaub, auch nicht die Lust.
Wenn Sie wissen wollen, was Sie „falsch“ machen, versuchen Sie bitte, meine Ausführungen zu verstehen. Sie legen „klug“ oder „wissenschaftlich“ klingende Formulierungen vor, hinter denen ich – leider! – keinen Sinn erkennen kann, manchmal keinen konkreten, manchmal gar keinen. Aber vielleicht kann das ja wer anderer?
Sie sehen das richtig, dass ich skeptisch bin in Bezug auf die Genese des von Ihnen vorgelegten Texts. Das richtet sich nicht gegen Sie persönlich; man muss heutzutage gegenüber Texten, deren Genese im Dunkeln liegt, an sich skeptisch sein. Es ist heutzutage leicht, eine in einem anderen Sprachraum bereits eingereichte Arbeit mit einem anderen Titelblatt zu versehen und noch einmal irgendwo einzureichen; es ist sogar leicht, sich im Web zu einem vorgegebenen Begriffsnetz einen professionell aussehenden und gut „klingenden“ Text verfassen zu lassen, mit „Zitaten“, mit (realen oder gefaketen) Literaturangaben, mit einer (scheinbar) ordentlichen Kapiteleinteilung. Wenn die Schule Ihren Text als VWA akzeptiert, haben Sie sich womöglich sehr viel Arbeit gespart. Es ist keineswegs so, dass Ihre Argumentation für Ihren Text gleich viel Aufwand wie das Schreiben einer VWA bedeutet.
Aber wie gesagt: das ist die Sichtweise eines mittlerweile außenstehenden Menschen.
Ich verabschiede mich damit aus dieser Diskussion und wünsche Ihnen das Vergnügen am Erfolg einer wirklichen Vorwissenschaftlichen Arbeit.
Mit freundlichen Grüßen
michael bürkle

Ich bin gespannt; naja: ein bisschen.


Lit.:

Hier ein Link zur Seite, die mein Kollege zur Erzeugung unseres mathematischen Unsinn-papers benützt hat: https://thatsmathematics.com/mathgen/. Slogan: „Produce your own math paper, full of research-level, professionally formatted nonsense!“

Und hier noch ein Link zu Erläuterungen in der englischen Wikipedia. (Es ist in Englisch offenbar leichter: viel weniger Wortmorphologie; relativ einfache Satzstellung.)

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