Veröffentlicht in Bildung, Politik

eine posse im bildungsbereich

der bildungsminister faßmann (sozusagen „schwarz“ / „türkis“ oder parteifrei) äußert die idee, man möge an den beiden fenstertagen nach christi himmelfahrt bzw. fronleichnam doch unterricht halten. es gebe nachholbedarf.

die 3 führenden lehrergewerkschaftler (alle „schwarz“ / „türkis“) jaulen öffentlich auf: kommt nicht in frage: die schulautonom freien tage dürfen nicht geopfert werden.

einige kritik der presse an den gewerkschaftlern: die gesamte bevölkerung sei durch die corona-krise belastet, da könne man doch von den lehrern verlangen, dass sie diese beiden freien tage opfern bzw. leisten.

dann der clou: der minister und die 3 gewerkschaftsvertreter vergessen ihre differenzen und wenden sich in einem gemeinsamen offenen brief an alle lehrerInnen und fragen nach, ob sie nicht „freiwillig“ an den beiden freitagen unterricht halten wollen.

die landesbildungsdirektionen beauftragen die direktorInnen, den grad der freiwilligkeit zu ermitteln.


was soll das ganze?

ich finde die angelegenheit eigentlich nebensächlich und läppisch. es gäbe viel wichtigere fragen. trotzdem frage ich gestern in meiner schule nach:

Steht ihr an den Fenstertagen nach Christi Himmelfahrt und Fronleichnam (22.5., 12.6.) freiwillig für Unterricht zur Verfügung?

Bitte teilt mir ein „Nein“ explizit bis morgen um 10 mit. Ohne Eure Mitteilung gehe ich von einem Ja aus. Ich werde dann der LBD Tirol die Anzahl der Neins mitteilen, aber nicht, wer wie geantwortet hat.

heute habe ich bei einem lehrkörper von ca. 50 personen 3 NEINs. die sind aber gut begründet. ein kollege schreibt u.a.:

Seit der Schulschließung am 16.3. ist bei mir noch nicht eine einzige Stunde […] ausgefallen. Der Stundenplan lief bei mir in Form von Videounterricht unter Zoom mit Sitft und Pad ganz normal weiter. Alles, was ich an der Tafel mit den Studierenden erarbeitet hätte, haben wir gemeinsam in OneNote gemacht. Die dabei entstandenen Notizbücher sind für die Studierenden in Moodle frei zugänglich. […] In der Schnellspur habe ich nach Schulschließung einen regelmäßigen, einstündigen Förderkurs begonnen, weil es unabhängig von der Schulschließung notwendig geworden ist.
[…]
Die Anwesenheit bei den Videostunden entsprach bis auf einige wenige Ausnahmen der Anwesenheit im Unterricht vor der Schulschließung.

Das Ganze war in der Anfangsphase ziemlich anstrengend und nervenaufreibend, nun möchte ich den Videounterricht nicht mehr missen und bekomme auch viele positive Rückmeldungen. Ein Fernstudierender meinte neulich, der Videounterricht erspare ihm zwei Stunden Autofahrt pro Schultag.

Nun frage ich mich ernsthaft, hauptsächlich und unläppisch, warum ich an den Fenstertagen (bezahlten) Zusatzunterricht halten soll und lehne das für mich ab.

er hat recht: wir haben während der corona-krise keine corona-ferien gemacht. ganz im gegenteil.

es gibt natürlich auch andere meinungen. ein anderer kollege schreibt:

JA.
Gewerkschaft ist dumm, Minister feige, dennoch bin ich fürs Unterrichten. Mich stinkt es zwar an, dass ich in diesem Semester mit weniger Stunden und daher tollem Stundenplan es sehr fein gehabt hätte, während es jetzt so viel Arbeit wie noch nie war. […]

eine andere kollegin:

Seit Beginn der Schulschließung habe ich, so wie auch andere,  den durchaus aufwändigen Unterricht genau nach Stundenplan in Konferenzschaltung abgehalten. Mit Einverständnis der Studierenden haben wir von Anfang an im Lernstoff weiter gearbeitet, erstens weil alle gesund waren und zweitens weil die meisten aufgrund von Kurzarbeit / Arbeitslosigkeit besonders viel Zeit hatten und somit die Teilnahme am online-Unterricht immer hoch und unglaublich vorbildlich war.
In meinen Semesterplänen, die schon vor Co-19 in den Leitfäden feststanden, haben wir daher bisher keinerlei Rückstand, weshalb ich den Studierenden verdienterweise die freien Freitage gern gegönnt hätte.

gemeinsam stellen sie alle fest: so viel arbeit wie noch nie. es gab für uns als lehrerinnen und lehrer keinerlei corona-ferien. übrigens auch nicht für unsere studierenden.


ich teile die 3 NEINs der bildungsdirektion mit. leider kann ich das per fragebogen nicht sehr differenziert tun. abgesehen davon, dass im menü der schulform für uns wieder einmal nichts passendes dabei ist, gilt es nur auszufüllen:

Freiwilliger Schulbetrieb für 22.5 und 12.06 *
– Gesichert
– Keine Bereitschaft für Schulbetrieb
– Derzeit noch ungeklärt bzw. offen

der zuständige sachbearbeiter klärt mich auf, dass bei nur 3 NEINs (von ca. 50) ich selbstverständlich „Gesichert“ angeben solle. schulen mit viel mehr NEINs hätten bereits angegeben, dass der „freiwillige“ schulbetrieb „gesichert“ sei.


meines erachtens geht es in der angelegenheit um reine symbolpolitik. der minister will ein symbol seiner durchsetzungsfähigkeit setzen. die gewerkschaftler wollen ihr neinsager-image loswerden. man haut sich auf ein packl und konstruiert eine „freiwillige lösung“. so etwas halte ich in zeiten wie diesen für „nebensächlich und läppisch“.

was nehmen sowohl der minister als auch die gewerkschaftler dafür in kauf? dass der eindruck erzeugt wird, „die lehrer“ hätten in corona-zeiten mehr oder weniger „frei gemacht“ und daraus entstehe nachholbedarf, der durch „freiwilligen“ unterricht kompensiert werden könne.

das ist natürlich völliger unsinn. und dass dieser eindruck erweckt wird, vom minister und von lehrergewerkschaftlern, ist natürlich nicht „nebensächlich und läppisch“; da geb ich meinem kollegen recht. das ist kurzsichtig und leichtfertig und falsch.

natürlich entstehen in einem corona-semester lücken; tatsächlich können im videounterricht viele studierende (und schülerinnen und schüler) schlechter folgen, v.a. die, die wenig computerkapazitäten und zuhause keine guten arbeitsbedingungen zur verfügung haben. (dafür ist für manche aber auch einiges leichter.) insofern ist klar, dass dieses semester bleibende lücken hinterlassen wird, aber nicht, weil lehrende eine art „corona-urlaub“ gemacht hätten. und man kann das nicht an 2 freitagen nach feiertagen einarbeiten.


was in der angelegenheit völlig verloren geht: der stress, den fernunterricht / „distance learning“ – und zwar einer ohne „sozialphasen“, wie das bei uns eigentlich normal wäre – bei schülerinnen, schülern und studierenden bewirkt. vielleicht hätten sich die auch 2 längere wochenenden verdient.

einladung zur diskussion. alle sind gescheiter als einer.

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