Veröffentlicht in Bildung

Vor dem Nach-dem-Wissen

Noch nie war so viel Wissen sofort abrufbar. (Zumindest in Europa, Nordamerika, Japan. Aber in Afrika? In Mittel- und Südamerika?)

Noch nie musste man so wenig selbst wissen. (Vor ein paar Jahren musste man wenigstens noch etwas über das Suchen wissen. Das ist heute fast nicht mehr nötig. Alles ist einfach nachschlagbar. Praktisch alles.)

Unsere jungen Leute, die so schon aufwachsen, wissen das. (Das wissen sie!) Es ist schwierig ihnen zu erklären, warum sie darüber hinaus noch was wissen sollen.

Noch nie war das gesamte Wissen von derart viel Unsinn, Irrelevanz und Lüge durchtränkt. (Wie unterscheidet man heute Fakt und Fake?)

Noch nie war es so wichtig, Wissen von Unsinn, Irrelevanz und Lüge unterscheiden zu können.

Um den Unterschied von Wissen gegenüber Unsinn, Irrelevanz und Lüge erkennen zu können, muss man … Sachen wissen. Und können. Wer nichts weiß, kann Gefundenes nicht einordnen. Wer nichts einordnen kann, kann Gefundenes nicht verwenden. Der kann nichts.

* * *

Wir sind kurz vor einer Gesellschaft, die nach dem Wissen kommt. Die nichts mehr weiß, außer: dass man nachsehen kann.

Die wird letztlich nichts mehr wissen.

* * *

Damit es nicht zu pessimistisch wird: ich mache immer wieder die Erfahrung, dass man jungen Leuten verständlich machen kann, dass es eines gewissen Grundstocks an Wissen bedarf, damit man überhaupt Gefundenes und Nachgeschlagenes verwenden kann. Es gibt so etwas wie die „kritische Masse“ des Wissens: Darunter bleibt es leblos, tot; unkritisch. Darüber entwickelt es Dynamik, wird lebendig.

Es ist nicht immer leicht, das jungen Leuten zu erklären; manchmal ist es – wie gesagt – schwierig. Aber es geht.

Subscribe
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

3 Comments
ältesten
neuesten am meisten bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Jan Kees
Jan Kees
2 Jahre alt

Wenn man etwas nachschlägt und diese Information wird im Gehirn gespeichert, kann man es als Wissen betrachten, doch? Sinn vom Unnsin unterscheiden kann man heute, wegen der vielen Informationsquellen, besser als früher. Fake news gab es immer. Was wir früher in die Schule im Geschichtsunterricht gehört haben, war oft nur halbe Wahrheit. Unsere grausame Rolle (als Transporteur) im Sklavenhandel wurde (in den NLD) kaum erwähnt. Jetzt will man eine Bildsäule eines grossen Helden, der damals in Indonesien ein ganzes Dorf abgeschlachtet hat wegen Monopolie in bezug auf Gewürze, entfernen. Leonie hat dasselbe Gefühl beim Thema Judenverfolgung in Österreich. Auch im… Mehr »

peppone
peppone
2 Jahre alt

„Wenn Sie im Hirn keine „Kleiderhaken“ haben, können Sie Nachgeschlagenes nicht unterbringen. Die Kleiderhaken, an denen Sie neues Wissen aufhängen können, bestehen selbst aus Wissen.“

Ein anschauliches Bild, dem ich jederzeit zustimmen würde.

Die grundlegende Problematik ist wohl die zunehmend grassierende „kurze Aufmerksamkeitsspanne“, kein zusammentragen mehr von Wissen Stück für Stück, abgleichen mit eigenen Erfahrungen über lange Zeiträume.
Alles soll und muss sofort sein.
Schnellschüsse ersetzten wohl Überlegtes und wohl Durchdachtes.
Jung und neu ist Trumpf, egal wie abstrus.

Aber auch dies hat System, einen zugrundeliegenden „Magnetismus“