Kolleginnen und Konkurrentinnen
Der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), Georg Knill, ist gestern vor die Presse getreten und hat die Mahrer’sche Krise der Wirtschaftskammer zum Anlass genommen, einige Forderungen an die Wirtschaftskammer bzw. an den Staat zu stellen. So seien etwa die Beiträge, die Unternehmen an die Wirtschaftskammer zu zahlen haben, nicht mehr „zeitgemäß“ – sondern zu hoch.
Ich denke, da hat er recht – einerseits. Ich habe versucht, die Finanzierung der Wirtschaftskammer zu verstehen: es ist nicht leicht – s.u. Andrerseits wäre ich bei Forderungen der IV sehr vorsichtig. Sie steht in einem Konkurrenzverhältnis und einem Interessenskonflikt zur Wirtschaftskammer und hätte ein Interesse daran, dass die WK weniger Budget hat und dafür die IV mehr Mitglieder. Die Wirtschaftskammer hat an sich alle Unternehmer:innen zu vertreten, die Industriellenvereinigung nur ihre Mitglieder, also die, die sich den Mitgliedsbeitrag leisten können: das sind eher große, „wohlhabende“ Unternehmen. Dementsprechend sind auch die politischen Ausrichtungen von Kammer und IV nicht immer identisch.
Die IV kommt historisch aus der Groß- und Schwerindustrie, hat sich aber heute etwas ausgeweitet: in Richtung „Kreditwirtschaft, Infrastruktur und industrienaher Dienstleistung“. Allerdings ist die IV mit ihren ca. 5.000 Mitgliedern geradezu ein Vereinchen im Verhältnis zur Wirtschaftskammer, die an sich ihre ca. 600.000 Mitglieder zu vertreten hat.
Finanzierung?
IV
Wer ist die Industriellenvereinigung? Das ist ein Verein, ein freiwilliger Zusammenschluss von Industrieunternehmer:innen. Laut Eigendarstellung hat der Verein ca. 5.000 Mitglieder, laut Wikipedia sind es 4.200. Die IV weist ihr Budget nicht öffentlich aus.
WK
Was ist die Wirtschaftskammer? Das ist ein Teil der staatlichen Verwaltung. Die Wirtschaftskammer hat alle Unternehmer:innen zu vertreten; insgesamt sind das in Österreich ca. 600.000, von der kleinen Einzelunternehmerin bis zum Konzern. Die Mitgliedschaft ist dort Pflicht.
Die Industriellenvereinigung finanziert sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder. Die Wirtschaftskammer hingegen finanziert sich aus 3 „Umlagen“: der Grundumlage (GU), der Kammerumlage 1 (KU1) und der Kammerumlage 2 (KU2). Das System ist nicht leicht zu durchschauen: es wird in einer 14-seitigen Broschüre erklärt. Über die Umlagen nimmt die Wirtschaftskammer fast eine Milliarde Euro an Jahresbudget ein (GU ca. 221 Mio, KU1 ca. 249 Mio, KU2 ca. 438 Mio.) Teile des Systems werden von den Fachgruppen bzw. von den Wirtschaftskammern der Bundesländer bestimmt. Die Höhe hängt einerseits vom Umsatz (KU1) und andrerseits auch von der Anzahl der Mitarbeiter:innen der Firmen (KU2) ab.
Teile der Sozialpartnerschaft
Die WK und die IV sind in der sog. „Sozialpartnerschaft“ die Institutionen auf der Unternehmerseite. Bei den („unselbständig“) arbeitenden Menschen entsprechen dem die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft. Es gibt innerhalb der Sozialpartnerschaft weitere Kammern: Landwirtschaftskammer, Ärztekammer und einige mehr. Es gibt auch weitere freiwillige Vereine.
In der Ärztekammer ist interessant, dass sie in 2 sog. „Kurien“ sowohl „niedergelassene“ Ärzt:innen vertritt – also sozusagen jene Ärzt:innen, die als „selbständige Unternehmer:innen“ agieren – als auch die angestellten Spitalsärzt:innen. Und viele haben eh einen Job im Spital und daneben noch eine private Praxis.
Aber über die österreichische Sozialpartnerschaft ließe sich noch viel schreiben. Aber nicht mehr heute.

Schreibe einen Kommentar