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Michael Bürkle

Nützt Gendern nichts?

Gendern und Verhalten

Der ORF meldet: „Gendern allein ändert Verhalten nicht“. Da heißt es z.B.: „Dass eine gendergerechte Sprache zumindest kurzfristig nichts an der Praxis ändert, zeigen neue Experimente.“ Leider sind diese Experimente nicht gar so neu: sie fanden offenbar 2015 statt.

Dass „Gendern allein“ das „Verhalten nicht ändert“, wundert mich gar nicht. Die Sichtbarmachung beider bzw. aller Geschlechter in der Sprache – das ist „Gendern“ – hat ja nicht den Anspruch einer Instant-Verhaltenstherapie, die menschliche Charaktere sofort ändert. Gendern ist ein (sprach-)politisches Konzept, das auf Nachhaltigkeit zielt. Dass es dabei zu Widerständen kommt, ist m.E. sogar Teil des Konzepts. „Kaum etwas ist umstrittener als das Gendern“, behauptet der ORF-Artikel: das halte ich zwar für eine maßlose Übertreibung, aber tatsächlich lassen sich über das Gendern und über Gendern-Verbote ideologische Debatten führen, in denen es sehr oft um ideologische Revierkämpfe geht. Wenn eine österreichische (oder deutsche) Landesregierung in ihrer Verwaltung Gendern verbietet, markiert sie damit selbstbewusst bzw. präpotent ihre konservative Grundhaltung.

Sprache und Denken

Dass Sprache und Denken einander gegenseitig in komplexer Form beeinflussen, ist m.E. evident. Die amerikanischen Linguisten Whorf und Sapir haben das als Hypothese formuliert und es ist schwierig, diese „Hypo-These“ streng zu beweisen. Es gibt schwache und starke Versionen von ihr; man kann trefflich darüber diskutieren.

Der ORF berichtet nun über eine neuere Untersuchung, die „keine Effekte durch gegenderte Sprache“ nachwies. Das liegt aber unter Umständen am speziellen Forschungssetting. Die Forscherin Helena Fornwagner meint, dass ihre Ergebnisse nicht „gegen das Verwenden genderinklusiver Sprache“ sprechen.

Dass ein gewisser Einfluss der Sprache auf das Denken existiert, habe ich m.E. schon einmal bewiesen. Denn spricht man nur von Männern, denkt man nur an Männer; spricht man nur von Frauen, denkt man nur an Frauen. Mein sprachliches Experiment dazu habe ich auch hier im Blog dokumentiert: „überlegungen zum gendern“ heißt der Beitrag; er ist schon am 26.11.2017 hier erschienen.

Zweck des Genderns

Zweck des Genderns ist, den gedanklichen Einengungen gesellschaftlich etablierter Begriffsbilder ein Gegengewicht entgegenzusetzen. Wenn das gar keinen Widerstand mehr erzeugt, wären wir am Ziel. Weil wir offensichtlich noch nicht am Ziel sind, müssen wir noch mit gelegentlichen Widerständen rechnen.

Gendern ist natürlich kein Ersatz einer Politik für die Gleichberechtigung der Geschlechter; es ist bloß eine begleitende Maßnahme, die außerdem nichts kostet. Frau Fornwagner sieht da aber Prioritäten:

Wenn Ressourcen knapp sind, würde ich empfehlen, sich im Moment auf die Sachen zu konzentrieren, die die Situation von Frauen in der Arbeitswelt nachweislich verändern – also etwa auf gleiche Löhne für gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation oder auf Quoten. Und dann, wenn möglich, langfristig zusätzlich auch auf Gendern.

Ich denke, Gendern geht immer und schadet nicht; „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ gibt es dann eher, wenn die Entscheidenden an alle Betroffenen gleichermaßen denken.


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