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Michael Bürkle

„Klimasystem vor kritischer Schwelle“

Nichts Neues, aber dramatischer

Langjährigen Leser:innen meines Blogs werden die Sachverhalte nicht neu erscheinen, aber der Standard bringt heute auf Seite 1 (!) einen kurzen Artikel unter dem Titel „Studie warnt: Klimasystem vor kritischer Schwelle“. Der Artikel auf Seite 1 ist nur sehr kurz und verweist auf einen deutlich längeren auf Seite 16 von Reinhard Kleindl mit dem Titel „Das Kippen des Klimas rückt näher“. Den gibt es auch online; dort hat er den Titel „Das Klima ist einem unkontrollier­baren Kippen näher als je zuvor“ und ist schon gestern um 17 Uhr erschienen.

Die Sache an sich ist nicht neu: der Klimawandel ist kein kontinuier­licher Prozess, sondern er geht gewissermaßen „stufenweise“ vor sich. Es gibt in seinem Ablauf Punkte oder Situationen oder Sachverhalte – sog. „Kipp-Punkte“, an denen Teile des Ökosystems so kippen, dass eine Rekon­struktion, eine „Heilung“, eine Wiedergut­machtung praktisch nicht mehr möglich ist. Dann gehen Chancen für alle oder jedenfalls für sehr lange Zeiten verloren. Ein relativ belangsloses Beispiel: wenn durch Auftauen des Permafrosts ein Bergipfel abbricht, ist das nicht wieder hinzukriegen. Der ist ab; der Zustand ist „gekippt“.

Die Studie

Davor warnen nun in einer Studie, die im Fachjournal One Earth erschienen ist, prominente Wissen­­schaft­ler:innen, wie z.B. „Hans Joachim Schellnhuber, der General­­direktor des Inter­nationalen Instituts für Angewandte System­analyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien, und der Direktor des Potsdam Instituts für Klima­folgen­­forschung (PIK) in Deutschland, Johan Rockström“. Sie machen darauf aufmerksam, dass wir Menschen als globales ökologisches System einigen kritischen Kipp-Punkten allem Anschein wesentlich näher sind als bisher angenommen.

Die Forschenden nennen verschiedene bekannte Beispiele für solche möglicherweise unumkehr­baren Entwicklungen, allen voran die zunehmende Instabilität der Eisschilde Grönlands und der westlichen Antarktis. Dazu scheinen sich nördliche Permafrost­böden, Gebirgs­gletscher und der Amazonas-Regenwald kritischen Kipp­punkten zu nähern. Diese Phänomene sind nicht isoliert voneinander. Kippt eines davon, könnte das eine Kaskade von Ereignissen über Kontinente und Meere hinweg auslösen, wenn etwa ein Rückgang der Eisbedeckung Strömungen im Atlantik verändert, was wiederum tropische Regenwälder gefährdet und den Amazonas-Regenwald in eine Savanne verwandeln könnte.

Wir beobachten eine Beschleunigung der Erwärmung, was auf einen Verlust der Widerstands­fähigkeit unseres Planeten hindeutet. Die natürlichen Puffer­kapazitäten der Erde schwächen sich ab, und Rückkopplungs­effekte treiben das System in Richtung Instabilität

bemerkt Mitautor Johan Rockström.

Die Unsicherheit darüber, wo Kipppunkte genau liegen, ist kein Grund für Verzögerungen, sondern erfordert sofortige Vorsichts­maßnahmen, heißt es in der Studie.

Forderungen

Das Forschungsteam kommt natürlich auch zu Forderungen; die lassen sich etwa so formulieren:

Das Team fordert, dass die Themen der Resilienz des Klimas­ystems und des sozial gerechten Ausstiegs aus fossilen Brenn­stoffen in die Pläne von Regierungen aufgenommen werden. „Diese Studie macht deutlich, dass der Klima­wandel nicht länger ein fernes Umwelt­problem ist, sondern eine tiefgreifende systemische Bedrohung“, sagt Schellnhuber. „Um dieses Problem anzugehen, sind koordinierte globale Maßnahmen erforderlich, die der Geschwindig­keit, dem Ausmaß und der Vernetzung der Risiken, denen wir derzeit ausgesetzt sind, gerecht werden.“

Ja, wir brauchen „koordinierte globale Maßnahmen“ gegen eine „tief­greifende systemische Bedrohung“ – aber auch das müssten die Regierungen der Welt an sich schon 1000 mal gehört haben, ohne daraus besondere Konsequenzen gezogen haben. Das hat auch Trump 2.0 schon oft gehört und wir wissen, wie er mit einer der größten Volkswirt­schaften der Erde darauf reagiert: gar nicht. Wir sind als Menschheit in einem Bereich – beim Ersatz fossiler Brenn­stoffe durch nachhaltige Energien – an sich bereits recht weit gekommen, aber das allein rettet die Biosphäre nicht.

Vielleicht nützt es etwas, wenn sehr prominente Wissen­schaftler:innen die Dringlichkeit noch einmal massiv unterstreichen.

Ich kann das alles auch nur noch einmal – das x-te Mal – unterstreichen.

Die Tragik

Die Tragik des Klimaproblems ist eine doppelte:

(a) Klimaauswirkungen sieht man z.T. erst nach langen Verzögerungs­effekten; die eigenen Geschäfts­gewinne sind viel unmittelbarer. Schellnhuber, Rockström u.a. machen darauf aufmerksam, dass die Dringlich­keit mittlerweile sehr hoch ist – aber das ist vielen Managern und Politikern immer noch relativ egal im Vergleich mit den unmittelbar sichtbaren Gewinnen.

Aber (b): bei aller Verzögerungs­wirkung ist das Klima­problem das existenzielle für die gesamte Erde. An ihm hängt die Bewohn­barkeit des Planeten an sich. Da verblassen Kriege, Inflationen, Migrationen, Wirtschaftskrisen daneben.

– – –

Lit.: zum Original des Artikels in OneEarth

Das abstract in Englisch:
Earth’s climate is now departing from the stable conditions that supported human civilization for millennia. Crossing critical temperature thresholds may trigger self-reinforcing feedbacks and tipping dynamics that amplify warming and destabilize distant Earth system components. Uncertain tipping thresholds make precaution essential, as crossing them could commit the planet to a hothouse trajectory with long-lasting and potentially irreversible consequences.

und auf Deutsch:
Das Erdklima entfernt sich zunehmend von den stabilen Bedingungen, die die menschliche Zivilisation über Jahrtausende ermöglichten. Das Überschreiten kritischer Temperaturschwellenwerte kann sich selbst verstärkende Rückkopplungen und Kippprozesse auslösen, die die Erwärmung verstärken und entfernte Komponenten des Erdsystems destabilisieren. Da diese Kippschwellenwerte noch nicht vollständig erforscht sind, ist Vorsicht geboten, denn ihr Überschreiten könnte den Planeten auf einen Treibhauspfad mit langfristigen und potenziell irreversiblen Folgen führen.


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