Bemühte Ideen, ein falscher Ansatz
Der österreichische Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) möchte offensichtlich im System der österreichischen Schulen einiges verbessern. Er hat sich nun auf die Einführung einer 6-jährigen Volksschule konzentriert. Das macht als Thema etwas her; das würde viele Menschen vermutlich bzw. vermeintlich betreffen. Wiederkehr macht da aufmerksam, zeigt sich allerdings geradezu bescheiden: er ist „zwar optimistisch, dass bis Ende der Regierungsperiode 2029 ein Konzept am Tisch liegen wird, ob Kinder bis dahin schon eine sechsjährige Volksschule besuchen können, ließ er offen.“ Ein „Konzept bis 2029“? Da wird also noch viel Wasser die Donau hinabfließen.
Hauptargument Wiederkehrs ist derzeit der allgemein beobachtbare, z.T. enorme Stress bei Schulkindern der 3. und 4. Klasse Volksschule – und bei ihren Eltern. Die Kinder sind da 9-10 Jahre alt und müssen eine Lebensentscheidung treffen: Wollen oder sollen sie das 5. Schuljahr (und die folgenden) in einer „Mittelschule“ oder einem „Gymnasium“ verbringen? Denn für die Aufnahme in ein Gymnasium zählen heute bereits Schulnoten 9-jähriger aus der 3. Klasse Volksschule. Das ist zwar absurd, aber sehr oft Realität; leider!
Es ist völlig klar, dass solche Entscheidungen mit 9 oder 10 viel zu früh sind.
Durch die Verlängerung der Volksschule um 2 Jahre (oder 50% Zeitdauer) würde die Entscheidung über den weiteren Schulweg um 2 Jahre verschoben – auf ein Alter von 11 bis 12. Das ist m.E. immer noch zu früh, aber vielleicht nicht mehr ganz so daneben. Ich würde diese Entscheidung auf ein Alter von 14 legen, also auf das Ende der Sekundarstufe 1.
Was unterscheidet das Gymnasium von der Mittelschule?
Von den Inhalten her sehr wenig: in beiden Schulen lernen die Kinder den Stoff der Sekundasrstufe 1; die Lehrpläne sind weitgehend ident. (Nicht ganz: ich habe als Student einmal in den Sommerferien einem Schüler aus der 3. Klasse Hauptschule den Weg in die 4. Gym geebnet, indem ich ihm in den Ferien das fehlende Jahr Latein beigebracht habe.)
Die Lehrer:innen sind verschieden ausgebildet: Lehrer:innen im Gymnasium haben in aller Regel ein universitäres Lehramtsstudium hinter sich von 5 oder mehr Jahren; Lehrer:innen an Mittelschulen haben eine 3-jährige Pädasgogische Hochschule hinter sich. An der Uni lernt man als Lehramtsstudent:in viel im Fach, aber im Bereich Erziehung bzw. Didaktik nicht mehr nichts (wie früher), aber relativ wenig; an der Pädagogischen Hochschule tritt die Fachausbildung etwas in den Hintergrund und Pädagogik und Didaktik in all ihren Facetten werden prominenter. (Beide Ausbildungsschwerpunkte sind aber wichtig: eine wirklich gute Lehrperson muss fachlich und kommunikativ kompetent sein.)
Das mag dazu führen, dass der Unterricht im Gymnasium in vielen Fällen immer noch von einem höheren „fachlichen“ Niveau geprägt ist, während der Unterricht in den Mittelschulen sich mehr um Vermittlung bemüht. Das Gymnasium ist damit „schwieriger“ oder „anspruchsvoller“: und es war lange Zeit üblich, bei Kindern, die im Gymnasium Probleme mit dem Schulstoff hatten, den Eltern teure „Nachhilfestunden“ vorzuschlagen. Es entstand so ein umfangreiches System des „Nebenunterrichts“ von Nachhilfeschulen und Nachhilfelehrer:innen, das sich viele Eltern nicht leisten konnten. Deshalb wurde aus den Gymnasien die „bessere, aber teurere“ Schule, die sich nicht alle Eltern leisten konnten.
So wurde das Gymnasium zur Schule einer gut verdienenden Bildungselite, die sich Nachhilfe leisten konnte oder selbst dafür sorgen konnte. Und Teile dieser Bildungselite verteidigen mit Zähnen und Klauen heute noch die „Langform des Gymansiums“: vom Alter von 10 bis zum Alter von 18 bei der Matura. 8 lange Jahre in einer Schule: dem Gymnasium.
(Außerdem war die Hauptschule bis zur Mittelschule ein lebendiges pädagogisches Experimentierfeld aus Leistungsgruppen und Ein- und Umstufungen, während das Gymnasium offenbar stabile Strukturen anbot: eine einzige „Leistungsgruppe“: die erste!)
Das ORG
Es hat als wichtigen Schritt die Einrichtung von Oberstufen(-real-)gymnasien („ORGs“) gegeben, in denen Kinder nach der Sekundarstufe 1, die sie in einer Mittelschule oder der Unterstufe eines Gymnasiums absolviert hatten, im Alter von 15 die Sekundarstufe 2 beginnen und mit 18 oder 19 maturieren konnten. Konservative Bildungspolitiker:innen loben diese ORGs als Muster der „Durchlässigkeit“ des Systems, aber es ist trotzdem so, dass die Entscheidung über die weitere Bildungslaufbahn mit 9-10 einen wesentlichen und gravierenden Schnitt im Bildungsleben österreichischer Kinder bedeutet.
Probleme für Wiederkehr?
Wiederkehr möchte ein „Konzept bis 2029“. Dieser bescheidene Wunsch ist realistisch. Bis 2029 werden sich aber noch einige Probleme ergeben.
Standorte
Es gibt viele Schulstandorte, die eine Volks- und eine Mittelschule vereinen. Da wird es kein allzu großes Problem sein, aus einer 4-jährigen Volksschule eine 6-jährige zu machen und aus einer 4-jährigen Mittelschule eine 2-jährige. Es gibt aber auch viele Volksschulen, die für 4 Klassen gebaut sind und in denen man keine 5. und 6. Klassen unterbringt. Wohin mit der 5. und 6. Klasse? Doch ein paar Kilometer weiter in eine Mittelschule? Oder gar ein Gymnasium? Und was tut man mit einer für 4 Schuljahre gebauten Mittelschule, die plötzlich nur mehr halb so viele Kinder hat? Steht sie halb leer?
Personalfragen
Wiederkehr meint, dass die Schüler:innen in den zwei zusätzlichen Volksschul-Jahren durchaus „schon Bildung erfahren“ werden von „Volksschul- und Gymnasiallehrkräften“. Das ist gefährlich missverständlich: Bildung ist es nicht erst, wenn „Gymnasiallehrkräfte“ eingreifen; Bildung sind auch die 4 Volksschuljahre davor; Bildung ist auch das, was in vielen Kindergärten auf spielerische Weise passiert. Aber tatsächlich werden in einer verlängerten Volksschule zwangsläufig Lehrer:innen mit verschiedenen Ausbildungstraditionen (s.o.) aufeinander treffen. Das muss kein Problem sein; es kann gelegentlich eines werden.
Flexibilität
Wir haben sehr viele verschiedene Kinder in unseren Volksschulen, Mittelschulen und Gymnasien. Wir müssen viel mehr über flexible Lösungen nachdenken. Es gibt Kinder, die müssen noch viel Deutsch lernen. Es gibt Kinder mit speziellem Förderungsbedarf, weil sie Behinderungen haben. Wir brauchen Inklusion; es gibt ein Recht auf Inklusion. Es gibt also auch ein Recht auf Individualisierung.
Gute Volksschulen brechen da heute schon Klassengrenzen auf und führen „Kurse“ für Kinder verschiedener Jahrgänge. Ich war Direktor einer total modularen Schule – allerdings für Erwachsene (ab 17). Man muss sich vom System der „Klassen“ lösen: ich weiß, was das heißt. Klassen sind grobe Vereinfachungen komplexer Verhältnisse; sie sind für eine moderne Gesellschaft nicht mehr als grundlegendes Prinzip geeignet. Allenfalls können sie noch planerische Hilfskonstrukte sein.
Die Langform des Gymnasiums
Das ist für viele die Heilige Kuh: eine Schule für Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene von 10 bis 18, 19, 20. Mit einer 6-jährigen Volksschule ist diese Langform an sich gestorben. Das werden in der ÖVP viele nicht hören wollen. Die, die an einer frühen Schulentscheidung interessiert sind, weil sie sich die Nachfolge-, also u.a. die Nachhilfekosten leisten können.
Ich würde der Langform des Gymnasiums nicht nachtrauern: es kann sehr belastend für Jugendliche sein, 8 Schuljahre lang eine persönliche Geschichte mittragen zu müssen – mit allen Zusammenstößen, Störungen, Unfällen, Streichen, Niederlagen. Ich denke, es ist für viele Jugendliche die Chance eines Neuanfangs innerhalb einer Schulkarriere wichtig. Ich habe gloriose Neuanfänge erlebt – als Direktor am Abendgymasium.
international kein Problem
Kein Problem ist eine 6-jährige Volksschule international. Es gibt sie in vielen Ländern; der Standard hat mit der APA und Daten aus der EU-Kommission dankenswerterweise eine Karte „Grundschule im EU-Vergleich“ erstellt:
Es geht aber nicht nur um die EU. Man könnte im Großen und Ganzen auch ein 6-jähriges Norwegen, ein 6-jähriges UK und 6-jährige USA ergänzen – mit teilweiser Überlappung in den Kindergarten (als „Elementary School“). Und eine 11-jährige „Volksschule“ in der Schweiz: 2 Jahre Kindergarten, 6 Jahre Grundschule, 3 Jahre Sekundarstufe 1. Es kommt also nicht nur auf die Dauer, sondern immer auch auf das Drumherum an.
Wer eine 6-jährige Volksschule hat, kann damit erfolgreich sein. Dänemark hat sogar eine 7-jährige; viele Länder haben 5 Jahre mit einer gewissen Verzahnung zu einer Vorschule bzw. dem Kindergarten.
Wer eine 4-jährige Volksschule in eine 6-jährige umbauen will, braucht dazu einiges Geld, das man im Bildungssystem eventuell besser einsetzen könnte. Das Problem der 4 Jahre ist aber nicht die Dauer: es ist die viel zu frühe Entscheidung über das Danach! Dieses Problem gehört gelöst; das wird hier umgangen.
Conclusio
Wiederkehr hat ein Thema gefunden, das die Diskussion öffnet: 4 oder 6 Jahre Volksschule? Allein die Öffnung der Diskussion ist wichtig; allerdings stellen sich noch einige erhebliche Probleme. Wiederkehr will offenbar bis 2029 ein Konzept! Bescheiden! In der Zwischenzeit warten dringende Probleme, die durch eine Diskussion über die Dauer der Volksschule nicht gelöst werden.

