… nicht nur sich, auch die ÖVP
Bundeskanzler Stocker (ÖVP) ist auf einer Erklärtour durch Österreich. Er beantwortet da Fragen von Bürger:innen – allerdings ausgewählte Fragen von ausgewählten Bürger:innen. Wer glaubt, da einfach hingehen und fragen zu können, hat sich geschnitten.
Der Kanzler kann sich also auf die Fragen vorbereiten. Trotzdem sagt er in Salzburg auf die Frage einer Frau nach der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie bzw. Kindererziehung, Kindererziehung sei „keine unbezahlte Arbeit“.
Damit hätte er natürlich Recht. Die immens wichtige Arbeit der Kindererziehung wird in Österreich sehr oft nicht bezahlt, nämlich solange sie in Familien (oder familienähnlichen Konstellationen) stattfindet. (Ein Alibigeld ist da die sog. Familienbeihilfe, die aber niemals die geleisteten Arbeitsstunden abdeckt – und die sehr oft der Vater erhält.) Aber Stocker meint das anders: Kindererziehung sei nicht nur unbezahlt, sondern sei gar keine „Arbeit“. Familie „funktioniere anders“.
(Wie man als Kanzler nur so patschert sein kann! Ohne Not völligen Blödsinn verzapfen!)
Ein Entlarvung
Damit entlarvt Stocker sich, seine Ansichten zu Familie und Erziehung und die Position seiner Partei, der ÖVP. Die haben alle ein uraltes Familienbild im Kopf, das schon längst nicht mehr mit der Realität übereinstimmt. Das Bild ist:
Der Vater geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause, die Mutter schupft den Haushalt und erzieht die Kinder – und bekommt dafür vielleicht noch ein „Haushaltsgeld“.
Die ÖVP und mit ihr Stocker hat nicht kapiert, dass sich die Gesellschaft in den letzten – na sagen wir – 50 Jahren sehr geändert hat. Dass Frauen ihr eigenes Geld verdienen wollen und eine eigene Pension anstreben, nicht nur eine Witwenpension. Dass auch Männer sich um das Familiengeschehen und um den Haushalt kümmern gelernt haben (und dabei meistens doch deutlich unter 50% oder „halbe halbe“ bleiben). Dass es als Frau nicht sinnvoll ist, keine eigene Altersversorgung zu haben.
Die ÖVP steckt ideologisch noch tief im 2o. Jahrhundert, etwa in seinen 60er- oder 70er-Jahren.
Arbeit und Geld
Im uralten Familienbild der ÖVP ist „Arbeit“ das, wofür man Geld kriegt. Wenn man kein Geld für etwas bekommt, ist es auch keine Arbeit. Wenn man wenig Geld bekommt, ist es eine unwichtige Arbeit. Wenn es eine wichtige Arbeit ist, bekommt man viel Geld. So die Theorie.
Das ist natürlich hanebüchener Blödsinn. Es gibt wichtige, aber schlecht (oder gar nicht) bezahlte Arbeit – wie die Arbeit als Elementarpädagog:in oder als Mutter bzw. Vater. Es gibt aber auch sehr gut bezahlte Arbeit, für die man nur sehr wenig tun muss und die auch nicht besonders wichtig ist: die Zeit als Hinterbänkler im Nationalrat etwas, für die man 10.751 € erhält. (Gut: es gibt fleißige und faule Abgeordnete, kluge und überforderte, aber das spielt beim Gehalt praktisch keine Rolle.) Klubobleute im Nationalrat – also Kickl (FPÖ), Gödl (ÖVP), Kucher (SPÖ), Shetty (NEOS), Gewessler (Grüne) – kommen ohne Nebenjobs auf 17.597 €. Manche leisten was dafür, manche leisten sich was dafür. Der patscherte Kanzler bekommt für seine Tätigkeit immerhin 23.841 €.
Es ist eine Grundkrankheit unserer Gesellschaft, Arbeiten völlig ungerecht zu entlohnen. Die Arbeit Kindererziehung ist das dramatischste Beispiel.
Weitere Arbeitsfelder
Es gibt einen ganzen „Berufssektor“, der in Österreich nicht oder ganz schlecht bezahlt wird und ohne den wir als Gesellschaft rundweg aufgeschmissen wären: ehrenamtliche Arbeit. Da leistet man wichtige, meist hervorragende Arbeit und bekommt nichts dafür. Das gilt für viele Menschen im Rettungswesen, bei der Feuerwehr, in sozialen Arbeitsfeldern. Da rücken ÖVP-Politiker gerne einmal aus und loben die Ehrenamtlichkeit – und lassen es dabei.
Ich sehe z.B. ein krasses Missverhältnis zwischen dem Gehalt von Landwirtschafts- und Umweltminister Totschnig (ÖVP, 19.072) und den Feuerwehr- und Rettungsmenschen, die ehrenamtlich die Folgen seiner Politik direkt ausbaden müssen.
