Jüdischer Ex-Minister kandidert auf arabischer Liste
Israel ist ein kompliziertes Land. Manche Israelis sind bzw. verstehen sich als Jüd:innen, manche als Moslems, manche als Christ:innen, manche als Drus:innen, manche sind auch nicht religiös. Viele sprechen Hebräisch, manche Arabisch, viele auch Russisch oder Englisch. Manche sehen sich als israelische Araber:innen oder als arabische Israelis, manche sind weder arabisch noch jüdisch, sind aber Israelis mit israelischer Staatsbürgerschaft.
Politisch ist das bisher oft in Parteien getrennt. Aber jetzt gibt es Hoffnung. Yoav Segalovitz, ein israelisch-jüdischer Ex-Vize-Polizeiminister, der bis jetzt für die liberale (zumindest theoretisch „rein“) jüdische Partei Yesh Atid kandidiert hatte, hat sich für eine Kandidatur im Rahmen der (dominierend) arabischen Partei Ra’am („Vereinigte Arabische Liste“) entschieden. Das ist ein großer Fortschritt.
Ein große Chance
Das ist eine große Chance für Israel: religiöse, sprachliche, ideologische Grenzen endlich zu überwinden.
Das ist nicht nur die Kandidatur des Herrn Segalovitz: die sehe ich nur als Zeichen, als Symbol. Es gibt in Israel bestens dokumentierte, hervorragende jüdisch-moslemisch-arabische Zusammenarbeit. Ich nenne nur Wahat as-Salam / Neve Shalom, ein israelisches (im Sinne eines jüdisch-moslemisch-christlichen) Dorfes. Zusammenarbeit funktioniert da; es ist sicher nicht immer leicht, wie es auch (z.B.) in Tiroler Dörfern mit der Zusammenarbeit bisweilen nicht immer leicht ist.
Wie wirkt sich die Kandidatur Segalovitz‘ aus?
Das ist noch nicht völlig absehbar. Die Kandidatur kann ein großer Impuls für das Lager jenseits des konservativ-rechtsextrem-ultraorthodoxen Klüngels werden, der derzeit an der Macht ist. Insofern ist sie ein Hoffnungszeichen.
Ich befürchte die Kandidatur nicht so sehr als Spaltungsobjekt auf der liberalen Seite. Ra’am ist bereits in der Knesset und kann dort vermutlich-hoffentlich ihre Basis verbreitern. Eine nicht-mehr-nur-arabische Partei ist fast neu.
Ich fürchte allerdings um das Leben Segalovitz‘. Für ultraorthodoxe und rechtsextreme Siedler:innen ist er ein geeignetes Terroropfer. Es wird sich zeigen, ob es der israelische Staat schafft, diese Kandidatur ordentlich zu schützen und abzuwickeln.
