Ein hochinteressanter Film – mit einer Lücke
Gestern war ich im Kino, natürlich im Leokino, dem Innsbrucker Programmkino, das wichtige Beiträge zu breiter Bildung und Unterhaltung in der Region leistet. Es spielte Erwin Wagenhofers neuer Film „Atmosphere“; der Regisseur war selbst anwesend und gesprächsbereit.
Erwin Wagenhofer hat wieder einen eminent politischen Film gedreht, der mit mächtigen Bildern imponiert. Er zeigt die deutsche Künstlerin Maria Giménez, die Landwirtin geworden ist und mit einer Gemeinschaft Gleichgesinnter in Berlin-Brandenburg vertrocknete Felder zu neuer Vegetation, zu neuem Leben bringt und ihre Produkte direkt vermarktet. Er zeigt, wie die Architektin Anna Heringer mit dem Vorarlberger Techniker Martin Rauch in Vorarlberg und in Afrika Lehm als herausragenden Baustoff verwendet – ganz ohne die Treibhausgasemissionen, die Beton mit sich bringen würde. Und er zeigt den Schweizer Agronomen Ernst Götsch, der in Lateinamerika eine regenerative, „syntropische“ Landwirtschaft entwickelt hat und betreibt und damit ebenfalls sensationelle Erfolge in Aufforstung und Landwirtschaft erntet.
Die drei Geschichten werden in ein Puzzle aus vielen Teilen geschnitten. Das macht es zunächst verwirrend, bringt sie aber näher zusammen.
„Wir sind alle Teil des Problems und Teil der Lösung“
Unter dieses Motto stellt Wagenhofer den Film und er hat da schon recht. Aber ich meine, der Film zeigt nur die Hälfte der Wahrheit: er zeigt individuelle Lösungen in Form individueller Meisterleistungen. Das geht so weit, dass Ernst Götsch über den von ihm angepflanzten Urwald sagt: „Wir haben hier keinen Klimawandel“.
Aber es gibt global einen massiven Klimawandel; er ist längst zur beherrschenden Klimakrise oder zur Klimakatastrophe geworden – und er erfordert mehr als „bloß“ individuelle Lösungen. Es braucht den Einsatz der Politik; es braucht nicht nur individuelle Initiativen, sondern lenkende Gesetze.
Nach dem Film gab es eine Diskussion. Nachdem sich aus dem Publikum zunächst niemand melden wollte, übernahm ich die Rolle des Bannbrechers. (Ich tu mir da relativ leicht.) Ich bedankte mich bei Wagenhofer für den wunderbaren Film – und warf ihm zugleich vor, nur die halbe Wahrheit zu sagen. Es gebe einen „massiven Klimawandel“ und er erfordere auch politische, nicht nur individuelle Lösungen. Wagenhofer hat das zunächst missverstanden – oder ich habe es ungenau formuliert: er meinte, wir können von unserer Politik nichts erwarten. Das meine ich grosso modo auch – aber individuelle und politische Arbeit sollten sich ergänzen. Beides muss sein. Aber das Motto sucht die Verantwortung ausschließlich „bei uns allen“. Das heißt für mich eben auch: wir brauchen entsprechende Gesetze, also Politik.
„Wasserträger des Kapitals“
Jetzt möchte ich natürlich nicht, dass ein „Klimaminister“ Totschnig im Film darüber redet, was alles nicht geht, und ein Minister Hattmannsdorfer, dass man niemandem etwas vorschreiben kann. Aber ich denke, es gibt Politiker:innen, von denen man sich mehr erwarten könnte. Nicht alle sind sie „Wasserträger des Kapitals“.
Und es geht um „unsere“ politischen Initiativen. Die nächste größere ist morgen, Freitag 16.10., Klimademo. Treffpunkt Innsbruck, Marktplatz 15 Uhr.
