michael bürkle

texte … zu bildung, politik und ähnlichem und die einladung zur diskussion …

Michael Bürkle

Gen-Z-Proteste in Deutschland

Die Bildungsministerin hat Ideen dazu

Die deutsche Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich zu den europäischen (nun auch in Deutschland statt­findenden) „Jugend­protesten“ geäußert: sie hat eine „Diskussion über Integrations­probleme“ gefordert, es habe „Gewalt­exzesse links­radikaler Gruppen“ gegeben, „aber eben auch von anderen, die wohl auch aus migrantischen Milieus stammen“.

Prien wird da vom Innenminister Dobrindt (CSU) sekundiert: „Es gab friedliche Demonstrationen, die dann Richtung Abend gekapert worden sind von gewalt­bereiten linken Gruppen und migrantischen Chaoten.“ Kurz wird das Bild vermittelt: „brave deutsche Demonstranten“ vs. „gewaltbereite linke migrantische Chaoten“.

Es ist erstaunlich, wie weit man sich als Politiker:in hinauslehnen kann, wenn man keinerlei harte Fakten zur Verfügung hat. Das wohl in „wohl auch aus migrantischen Milieus“ zeigt eine bloße Vermutung an. Da machen die Frau Bildungministerin und der Herr Innnenminister Politik mit vorgefassten Meinungen. Da wären zunächst einmal ordentliche Ursachenanalysen gefragt.

Der Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sieht das etwas differenzierter: „Was sind denn migrantische Gruppen? Sind das Menschen, die in dritter Generation in Deutschland leben und deutsche Staatsangehörige sind? Wo hören wir auf, das zu differenzieren? Ich glaube, das führt in die falsche Richtung“. Pistorius sieht da ebenfalls Migration als Problem, hat da aber einen etwas differenzierteren Begriff von Integration.

Warum Frust und Wut?

Vorstellungen zu Frust und Wut bei Jugendlichen habe ich auch; auch ich habe leider keine breite Datenanalyse zur Verfügung, aber ich habe Gesprächskontakte.

Ich habe viel Verständnis für die Proteste von Jugendlichen, und ich finde „Gewaltexzesse“ – Gewalt gegen was? Gegen Schaufenster? Gegen Autos? – auch nicht zu tolerieren. Gewalt gegen Sachen finde ich allerdings bei Weitem nicht so gravierend wie Gewalt gegen Menschen. Aber natürlich brauchen wir gewaltfreie Lösungen.

Meine persönliche Analyse habe ich bereits im Beitrag „Warum Proteste und Plünderungen?“ vom 21.10. zusammengefasst. Man kann das in verschiedenen Formulierungen fassen: (a) Diese Jugend sieht nur mehr wenig Zukunft; oder (b): Wir Älteren vermitteln unserer Jugend keine Vorstellung von einer lebenswerten Zukunft mehr. In (a) ist die Jugend „selbst schuld“; (b) nimmt auch uns Ältere in die Pflicht.

Es ist an sich Aufgabe unserer Generation, also v.a. der Politiker:innen unserer Generation, für eine glaubwürdige und positive Zukunft zu sorgen. Dazu braucht es aber nachhaltige Veränderungen in der Politik: in der Klimapolitik, in der Sozialpolitik, in der Wirtschaftspolitik. Was bietet unsere Gesellschaft der Jugend? Eine sichere Umwelt in einem lebenswerten Klima? Einen gewissen Lebensstandard mit Aussicht auf einen gesicherten Lebensabend? Eine Aussicht auf gute Jobs und eine sichere Existenz? Die Aussicht auf eine tragfähige Bildung? Nichts davon! Alles sehr sehr vage.

In meiner Jugend spielte eine „Klimakrise“ noch keine Rolle – außer man hatte „Die Grenzen des Wachstums“ des „Club of Rome“ von 1972 nicht nur gelesen, sondern auch verstanden. Wir konnten auf ein sicheres, alle Generationen umspannendes Sozialsystem vertrauen. Wer sich seriös gebildet hatte, konnte mit großer Sicherheit einen geeigneten, einen guten Job kriegen. (Für einen sehr guten Job brauchte man durchaus auch „Vitamin B“ oder „Beziehungen“.) Und ja: unser Bildungssytem sah sichere Wege vor.

Mit Migration und (fehlender) Integration hat das m.E. kaum etwas zu tun. (Klar vermitteln auch Beispiele schlechter oder fehlender Integration zusätzlichen Frust; Integration ist aber nicht nur Aufgabe der zu Integrierenden.) Es sind auch nicht (nur) linksradikale Gruppen, die ihre Wut auslassen: solche gibt es rechtsextrem auch. Der Frust kennt da kaum Parteigrenzen; die Wut erst recht nicht.

Subscribe
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare
ältesten
neuesten am meisten bewertet
0
Would love your thoughts, please comment.x