einerseits
Der Parteivorsitzende der SPÖ Andreas Babler ist gestern mit 81,5% wiedergewählt worden – ohne echte Gegenkandidatur!
Das ist zunächst ziemlich wenig: enttäuschend. Fast ein Fünftel der Parteitagsdelegierten kann mit ihrem Obmann nicht viel anfangen. Bei seiner ersten Wahl zum Parteiobmann am 11.11.2023 hatte Babler noch 88,8% erzielt. Da war er noch Hoffnungsträger.
andrerseits
Der SPÖ geht es nicht wirklich gut. Sie ist in mehrere Lager zerrissen; manche Mitglieder fordern von ihr mehr Radikailtät, manche wollen sie aber (endlich wieder!) in der Regierungsverantwortung sehen. Mehr Radikalität und Regierungsverantwortung scheinen aber Widersprüche zu sein. (Ich bin mir da aber nicht sicher!)
Das gilt allerdings nicht nur für die SPÖ: in diesem Widerspruch stehen viele sozialdemokratische Parteien. Der SPD in Deutschland geht es nicht viel anders: gerade ist sie bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg in den Hochrechnungen bei einem Stimmenanteil von ca. 5,5% gelandet.
Andreas Babler „schafft“ – naja! – den Spagat zwischen Regierungsverantwortung und Radikalität, indem er in der Regierungsarbeit konsequent beim ausgehandelten Regierungsabkommen bleibt und damit radikale Lösungen allenfalls in Vorschlägen für eine mehr oder weniger ferne Zukunft zulässt. Das enttäuscht viele.
So betrachtet sind über 80% Zustimmung doch gar nicht so schlecht.
Sozialdemokratien wohin?
Die Arbeiterschaft, das „Proletariat“ hat sich geändert. Stammwählerklientel geht verloren: viele verschiedene Arbeitsformen decken verschiedene Bedürfnisse von sog. „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ ab; „Arbeit“ fächert sich in verschiedene Formen auf. Es gibt Arbeitsformen, die fast schon Formen der Selbständigkeit sind; es gibt Arbeitsformen, die online stattfinden und entsolidarisierend wirken. Klassische Hand-Arbeit wird oft – wenn nicht von Robotern – von Arbeitenden übernommen, die als Migrant:innen über keine Staatsbürgerschaft im Land und also kein Wahlrecht verfügen.
Viele arbeitende Menschen, die zu „einfachen“ Lösungen tendieren, wandern zu den populistischen Parteien ab, die solche „einfachen Lösungen“ versprechen. Menschen, die bereit sind, für eine komplizierte Zukunft auch „komplexe“ Lösungen zu akzeptieren, wechseln zu dezidiert ökologisch ausgerichteten Parteien. Wenn die Grünen in Baden-Württemberg über 30% liegen und die AfD bei 18%, bleibt halt für die SPD nicht mehr allzu viel übrig.
