Was für ein Menschenbild ist das?
Der österreichische Innenminister Karner (ÖVP) will laut Standard von heute (S. 1) „gefängnisähnliche“ Heime für Kinder, die noch nicht strafmündig sind. Was denkt sich der Minister da?
Ich weiß schon, dass es Kinder gibt, die nicht strafmündig sind, das auch wissen und deshalb Dinge tun, die eigentlich Straftaten wären. Kindheit hat sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert: durch Medien und durch Krisen. Kinder kommen heute viel früher mit Gewalt (in Form überforderter Eltern und in Form von Gewalt-Videos und Porno-Videos und Gewalt-Porno-Videos) in Kontakt; Kinder können sich nicht mehr auf eine Zukunft freuen, weil sie von diversen Krisen bedroht werden.
Oder schauen wir auf die Eltern. Beziehungen sind nicht mehr so fix wie früher. Viele Kinder haben keinen reellen Vater mehr. Oder auch keine Mutter. Viele Eltern oder „Erziehungsberechtigten“ (also eigentlich „Erziehungsverpflichteten“) sind mit der Erziehung ihrer Kinder hoffnungslos überfordert und überlastet. Ist nicht jedes gewalttätige Kind Opfer einer „schwierigen“ Erziehung?
Aber kann man das durch „gefängnisähnliche“ Zustände für Kinder lösen? Welches Bild vom Menschen bzw. von Kindern steckt da dahinter? Was machen Gefängnisse mit Kindern?
Die „Auszeit-WG“
In Wien wird versucht, solchen nicht-strafmündigen Kindern mit dem Modell einer „Auszeit-WG“ zu begegnen. So eine WG sieht Karner als „Vorbild für [den] Bund“; offenbar ist das für Karner ein „gefängnisähnliches“ Heim; es klingt aber „humaner“. Der österreichische „Berufsverband der Sozialen Arbeit“ („OBDS“) hat sich das Konzept der „Auszeit-WG“ angesehen und kommt zu einem bedenklichen Schluss:
Zu diesem Zeitpunkt kennt die Fachöffentlichkeit das Fachkonzept des privaten Trägers, der die WG betreibt, allerdings nicht. Es ist daher nicht klar, inwieweit diese politische Entscheidung den Zielbestimmungen des § 1 des Wiener Kinder- und Jugendhilfegesetzes sowie den Qualitätsstandards der österreichischen Kinder- und Jugendhilfe entsprechen und ob diese Maßnahme konzeptuell in Übereinstimmung mit fachlich anerkannten Standards sowie dem aktuellen Stand der Wissenschaften steht.
Der Österreichische Berufsverband der Sozialen Arbeit (OBDS) hatte die Möglichkeit, Einsicht in das Konzept der „Auszeit WG“zu nehmen. Gerade weil darin enthaltene Details der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich gemacht wurden und ein Fachdiskurs deshalb bislang nicht möglich war, sehen wir uns dazu verpflichtet, öffentlich Stellung zu beziehen.
Nach eingehender Auseinandersetzung kommt der OBDS zur Einschätzung, dass das vorliegende Konzept nicht dem State of the Art guter Praxis der Sozialarbeit sowie Sozialpädagogik entspricht. Die darin vorgeschlagenen Maßnahmen sind in dieser Form weder mit dem fachlichen Auftrag der Sozialen Arbeit, noch mit den Berufsbildern der Sozialarbeit bzw. Sozialpädagogik ohne weiteres in Übereinstimmung zu bringen.
Es wird dringend empfohlen, dieses Konzept lediglich als Arbeitspapier zu verstehen, das als mögliche Diskussionsgrundlage für den Austausch und die Einbeziehung von Fachexpert*innen unterschiedlicher Disziplinen und von Fachkräften, die mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien arbeiten sowie Experts by Experience dienen kann. Mit ihnen müsste die Fragestellung erörtert werden, in wie weit solche Einrichtungen überhaupt dazu geeignet scheinen, das Ziel der Delinquenzvermeidung zu fördern und damit das angestrebte Ziel zu verfolgen.
Die „Auszeit-WG“ klingt zwar deutlich freundlicher als das „gefängnisähnliche“ Heim. Ob sie allerdings wirklich eine Lösung ist, ist noch nicht klar. Laut OBDS sind da noch einige Klarstellungen und Arbeit nötig.
Schon vor über einem Jahr hat der Verein Neustart „für Begleitung statt Gefängnis“ plädiert. Das müsste erst recht für Kinder gelten, meine ich.
Elternarbeit
Ich meine, ein gewalttätiges Kind ist nie das ganze Problem. Wir müssen uns als Gesellschaft aber mit dem ganzen Problem beschäftigen – und das ist das Erziehungsumfeld, aus dem die Kinder kommen, und / oder die sozialen Bedingungen, die dieses Umfeld erzeugt haben. Da braucht es unter Umständen Hilfestellungen für die Eltern bzw. die betroffenen Erzieher:innen.
Die für mich wichtige Frage ist nicht nur: Was tun wir mit gewalttätigen Kindern? Eine für mich ebenfalls entscheidende Frage ist: Was tun wir mit dysfunktionalen Erziehungsumfeldern? Wie verhindern wir sie?

