michael bürkle

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Michael Bürkle

Industriellenvereinigung vs. Wirtschaftskammer

Kolleginnen und Konkurrentinnen

Der Präsident der Industriell­en­vereinigung (IV), Georg Knill, ist gestern vor die Presse getreten und hat die Mahrer’sche Krise der Wirtschafts­kammer zum Anlass genommen, einige Forderungen an die Wirtschafts­kammer bzw. an den Staat zu stellen. So seien etwa die Beiträge, die Unternehmen an die Wirtschafts­kammer zu zahlen haben, nicht mehr „zeitgemäß“ – sondern zu hoch.

Ich denke, da hat er recht – einerseits. Ich habe versucht, die Finanzierung der Wirtschafts­­kammer zu verstehen: es ist nicht leicht – s.u. Andrerseits wäre ich bei Forderungen der IV sehr vorsichtig. Sie steht in einem Konkurrenz­­verhältnis und einem Interessens­­konflikt zur Wirtschaftskammer und hätte ein Interesse daran, dass die WK weniger Budget hat und dafür die IV mehr Mitglieder. Die Wirtschafts­­kammer hat an sich alle Unternehmer:innen zu vertreten, die Industriellen­­vereinigung nur ihre Mitglieder, also die, die sich den Mitglieds­beitrag leisten können: das sind eher große, „wohlhabende“ Unternehmen. Dementsprechend sind auch die politischen Ausrichtungen von Kammer und IV nicht immer identisch.

Die IV kommt historisch aus der Groß- und Schwerindustrie, hat sich aber heute etwas ausgeweitet: in Richtung „Kredit­wirtschaft, Infrastruktur und industrienaher Dienst­leistung“. Allerdings ist die IV mit ihren ca. 5.000 Mitgliedern geradezu ein Vereinchen im Verhältnis zur Wirtschaftskammer, die an sich ihre ca. 600.000 Mitglieder zu vertreten hat.

Finanzierung?

IV

Wer ist die Industriellenvereinigung? Das ist ein Verein, ein freiwilliger Zusammen­schluss von Industrie­­unternehmer:innen. Laut Eigendarstellung hat der Verein ca. 5.000 Mitglieder, laut Wikipedia sind es 4.200. Die IV weist ihr Budget nicht öffentlich aus.

WK

Was ist die Wirtschaftskammer? Das ist ein Teil der staatlichen Verwaltung. Die Wirtschafts­kammer hat alle Unternehmer:innen zu vertreten; insgesamt sind das in Österreich ca. 600.000, von der kleinen Einzelunternehmerin bis zum Konzern. Die Mitgliedschaft ist dort Pflicht.

Die Industriellen­vereinigung finanziert sich aus den Beiträgen ihrer Mitglieder. Die Wirtschafts­­kammer hingegen finanziert sich aus 3 „Umlagen“: der Grundumlage (GU), der Kammerumlage 1 (KU1) und der Kammerumlage 2 (KU2). Das System ist nicht leicht zu durchschauen: es wird in einer 14-seitigen Broschüre erklärt. Über die Umlagen nimmt die Wirtschafts­kammer fast eine Milliarde Euro an Jahresbudget ein (GU ca. 221 Mio, KU1 ca. 249 Mio, KU2 ca. 438 Mio.) Teile des Systems werden von den Fachgruppen bzw. von den Wirtschafts­kammern der Bundesländer bestimmt. Die Höhe hängt einerseits vom Umsatz (KU1) und andrerseits auch von der Anzahl der Mit­arbeiter:innen der Firmen (KU2) ab.

Teile der Sozialpartnerschaft

Die WK und die IV sind in der sog. „Sozialpartnerschaft“ die Institutionen auf der Unternehmer­seite. Bei den („unselbständig“) arbeitenden Menschen entsprechen dem die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft. Es gibt innerhalb der Sozialpartnerschaft weitere Kammern: Landwirtschafts­kammer, Ärzte­kammer und einige mehr. Es gibt auch weitere freiwillige Vereine.

In der Ärztekammer ist interessant, dass sie in 2 sog. „Kurien“ sowohl „niedergelassene“ Ärzt:innen vertritt – also sozusagen jene Ärzt:innen, die als „selbständige Unter­nehmer:innen“ agieren – als auch die angestellten Spitalsärzt:innen. Und viele haben eh einen Job im Spital und daneben noch eine private Praxis.

Aber über die österreichische Sozialpartnerschaft ließe sich noch viel schreiben. Aber nicht mehr heute.


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