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Interview über die Inflation mit WIFO-Chef Felbermayr

Ein Interview

Gestern (Mo 29.5.) konnte man in der ZiB 2 des ORF ein interessantes Interview sehen und hören. Redakteur Martin Thür sprach fast 9 Minuten lang mit dem Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Gabriel Felbermayr über die hohe Inflation.

Zusammenfassung

Felbermayr betont, wie wichtig auf dem Markt Konkurrenz unter den Anbietern ist – und lässt durchblicken, dass die in Österreich wenig ausgeprägt ist. Wir haben z.B. einige wenige Lebensmittelketten, die auf dem  Markt Preise fast diktieren können; wir haben auch Energieversorger, die oft ohne erkennbare Konkurrenz Preise festsetzen.

Felbermayr sieht es auch so, dass die Inflation in Österreich höher ist als das durch steigende Kosten gerechtfertigt wäre. (Das sieht sogar die EU so!) Felbermayr vermeidet allerdings den Begriff „Gierflation“. Er bezweifelt unverhohlen die Wirkung der Bemühungen der Regierung um Preistransparenz; das kostet ihn gerade noch ein Lächeln. Er hält andrerseits eine Übergewinnsteuer z.B. auf dem Energiesektor für berechtigt.

Felbermayr empfiehlt einen „Anfang mit Mietpreisen“: „Und wenn man nicht bei den Mieten einsteigt, wüsste ich nicht, wo sonst.“

Felbermayr wünscht sich ausdrücklich eine höhere Konkurrenz auf dem Energiesektor und fordert die Konsument*innen auf, Preise genau zu vergleichen und die Konsequenz aus dem Vergleichsergebnis zu ziehen.

Als Möglichkeit der Eindämmung der Inflation sieht Felbermayr auch eine Zurückhaltung beim Konsum: „wenn ein Wirt seine Preise erhöhen kann, weil er seine Gaststube vollkriegt auch zu höheren Preisen, dann ist es schwierig, zu sagen, du darfst das nicht tun.“ Also: nicht dringende Nachfrage vertagen. Das spart Geld und drückt die Inflation.

Der Wortlaut (in etwa)

T: Der Gaspreis ist mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Und doch bleiben die Preise vor allem in Österreich nachhaltig oben mit der Begründung, die Energie sei ja so teuer. Wie passt das alles zusammen?

F: Wir haben eine Phase hinter uns, in der die Gaspreise sehr hoch waren. Die Energieversorger haben sich zu sehr hohen Kosten eindecken müssen. Deswegen dauert es jetzt, bis die Preise an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben werden können.
Umgekehrt wars ja in der ersten Phase der der Teuerung so, dass die Gaspreise stark gestiegen sind und die Strompreise, aber sie sind nicht sofort an die Haushalte weitergegeben worden. Also ein bisschen Geduld wird man da noch brauchen. Aber sicher auch einen scharfen Blick. Und jede Belebung der Konkurrenz, jeder Anreiz, zu wechseln, für die Haushalte, zahlt sich aus.

T: Wenn diese Woche die Inflationsdaten für den Mai kommen werden, rechnen Sie mit einem Absinken oder könnten die Preise sogar noch weiter steigen?

F: Na wir gehen schon davon aus, dass die Inflation sich etwas abschwächt. Wenn man zum Beispiel die Spritpreise ansieht, die sind im Mai, jetzt 2023, um etwa 20, 30 Cent günstiger als sie’s im Mai 22 waren nach dem Anstieg in Folge des Ukraine-Kriegs. Also es gibt ein paar Posten, wo die Inflation sozusagen negativ werden wird, der Beitrag zur Inflation sogar negativ werden wird. Sie wird aber weiterhin hoch bleiben, und das ist etwas, das uns Sorgen macht, vor allem auch, weil die Inflationsrate in Österreich deutlich höher ist als im Rest der Euro-Zone.

T: Es wird in Österreich schon intensiv darüber diskutiert, welche Ursachen das hat. In ihrer Frühjahrsprognose spricht etwa die Europäische Union von einer deutlichen Erhöhung der Profite der Firmen. Kann die Politik überhaupt etwas dagegen unternehmen, wenn Firmen offenbar jetzt ihre Preise höher erhöhen, als dass es ihre steigenden Kosten rechtfertigen würden?

F: Erstens einmal haben wir in der ganzen Eurozone dieses Thema. Überall haben bei einer guten Nachfragelage die Unternehmen Anreiz, ihre Preise zu erhöhen. Das passiert überall. Die Regierung tut ein Stück was dagegen. Eine sogenannte Übergewinn-Steuer greift ja in die hohen Gewinne der Energiewirtschaft ein. Das ist eine durchaus ordnungspolitisch bedenkliche aber in dem Sinn im Kontext eine durchaus gerechtfertigte Maßnahme, und ansonsten ist es schwierig, wenn ein Wirt seine Preise erhöhen kann, weil er seine Gaststube vollkriegt auch zu höheren Preisen, dann ist es schwierig, zu sagen, du darfst das nicht tun.
Wichtig ist, dass die EZB ihren Job macht,
dass das Geld sozusagen wieder knapper wird. Und wichtig auch, dass der Finanzminister das Geld zusammenhält, sodass es keine extra Nachfrage-Impulse aus einer großzügigen Fiskalpolitikgibt. Dann sind das die besten Voraussetzungen, dass die Unternehmen bei den Preisen wieder etwas mehr aufpassen müssen.

T: Sie haben zuletzt durchaus Sympathie dafür bekundet, dass man auch direkt in die Preise eingreifen könnte oder müsste. Die Regierung hat sich dagegen entschieden. Gerade bei Lebensmittelhändlern setzt sie auf das Thema Preistransparenz. Kann das allein die Preise so weit runterdrücken in einem so konzentrierten Markt, wie es der österreichische ist?

F: Da müssten wir uns jetzt ansehen, was das konkret wirklich bringen kann. Das wär naürlich schön, wenn die Preise von selber sinken. Denn wenn man die Mehrwehrt-Steuer absenkt, verliert der Staat Einnahmen. Wenn das Schulden-finanziert wäre, dann wäre das Neuaufnehmen von Schulden ein weiterer Beitrag eigentlich zu einer höheren Inflation, also das kannibalisiert sich ein Stück weit selber. Weil Extra-Schulden heißen wieder, Extra-Nachfrage kommt ins System. Wenn das funktioniert mit dem erhöhten Druck und der höheren Transparenz, dann fänd ich das hervorragend. Ich bin skeptisch, ob das ausreicht.
Wichtig ist
wirklich, dass wir ausstteigen aus einer Inflation-Automatik, die in Österreich sehr stark ist. Wir haben eine hohe Inflationsrate jetzt. Und wenn das in die nächsten 12 Monate hineingetragen wird durch alle möglichen Anpassungen, die wir bei uns im System haben, dann heißt das eben auch eine deutlich weniger schnell sinkende Inflation, auch im Vergleich zu den Eurozonenländern. Und das ist wiederum für die Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit in Österreich ein Thema.

T: Eine solche automatische Anpassung ist ja der Mietpreis bei den Kategoriemietzinsen. Arbeiterkammer, Gewerkschaft und Mietervereinigung warnen da jetzt vor neuen Mieterhöhungen im Juli. Die sollen wieder um 5 ½ % steigen, rechnen sie vor. Sie haben einmal eine Mietpreisbremse sehr energisch gefordert und ich nehme an, das gilt nach wie vor. Aber sind Sie optimistisch, dass die Regierung diesmal auf Sie hört?

F: Dazu kann ich nichts sagen. Ich glaue, dass es in der Tat wichtig ist, dass alle einen Beitrag leisten dafür, dass die Preise wieder sinken können. Wenn wir uns wieder eine Inflationsdynamik wünschen von 2%, wie das eigentlich Geldwertstabilität implizieren würde, dann hieße das, dass alle Preise nur mehr um 2% steigen dürfen, im Durchschnitt jedenfalls, auch die Mieten. Von 2% redet keiner. Ich fand den Vorschlag, der ja in der Koalition glaub ich recht ausgiebig diskutiert wurde, dass man die Anpassungen streckt oder zumindest verlangsamt, sehr gut. Und ich glaube, da müsste man weiter drüber nachdenken, denn es ist einfach wirklich gefährlich mittlerweile, wenn wirdie Inflation weiterlaufen lassen und immer wieder neu durch diese Inflationsautomatiken oder Indexierungsautomaiken in die nächste Periode hinüberschleppen. Da kann sie einfach nicht in dem Ausmaß sinken, wie das notwendig wäre. Wenn man sich daran erinnert: Wir hatten 9,5 % Inflation im April und wir wollen eigentlich auf 2 % hin.

T: Also so eine Mietpreisbremsewäre, wie sie schon einmal diskutiert wurde, wäre auch jetzt noch sinnvoll?

F: Ich fände ja, es braucht einfach zumindest irgendwo einen Anfang, dass man aus dieser Indexierungs-Automatik aussteigt, sonst werden im Herbst die Gewerkschaften natürlich sagen, wir wollen eine Konstanz der Reallöhne, also die Löhne müssen so stark steigen wie die Inflation. Wenn die nicht sinkt, werden die Löhne bei uns in Österreich sehr viel stärker steigen müssen als im Rest der Eurozone. Das treibt die Kosten, das treibt dann wieder die Preise. Diese Automatik macht mir Sorgen. Und wenn man nicht bei den Mieten einsteigt, wüsste ich nicht, wo sonst. Denn es ist so, das sagen uns alle Statistiken: dass die Vermieter die breiteren Schultern haben. Und wenn die nicht sozusagen beginnen einen Teil beizutragen, dann kann man das bei sozial Schwächeren auch nicht einfordern.

T: Seit 1. Dezember letzten Jahres gilt ja die Strompreisbremse, die auch zurückgeht auf eine Idee, die Sie in Österreich sehr populär gemacht haben. Viele haben noch nicht einmal die erste Jahresabrechnug mit dieser Strompreisbremse erhalten. Und dennoch wollen Sie jetzt schon über eine Senkung dieserStrompreisbremse diskutieren. Warum sollte man die Strompreisbremse jetzt wieder halbieren?

F: Naja, man muss da unterscheiden, glaub ich. Erstens ist es so, die Strompreisbremse hat ihren Dienst geleistet. Wir gehen davon aus, dass die Inflation um 1% höher wäre, wenn es die Strompreisbremse nicht gäbe. Also einen Effekt hat sie. Das zweite ist, dass man unterscheiden muss zwischen dem Preis, der für die ersten 2900 kWh zu zahlen ist, das sind die 10 Cent ohne Steuern, und dem maximalen Zuschuss, den der Staat leistet, der ist bei 30 Cent gedeckelt. Und ich würd nachdenken, ob man diese 30-Cent-Deckelung wirklich noch braucht, weil die Strompreise auf den Großmärkten zurückgehen. Wenn man sagt, 30 Cent werden ohnehin vom Staat bezuschusst, dann mindert das die Anreize, bei den Preisen den Konsumenten entgegenzugehen, weil die spüren ja von einer Preissenkung gar nichts, nur der Staat muss weniger dazuzahlen. Aus Sparsamkeitsgründen, vielleicht brauchen wir die 30 Cent nicht mehr, sondern können das mit 15 oder 20 Cent auch machen.

T: Aber ist es nicht auch ein bisschen ein Hoffen auf einen Wettbewerb, denn wenn die Strompreisanbieter sagen, na wir lassen jetzt die Preise trotzdem so wie sie jetzt sind. Wir bleiben bei den etwas höheren Preisen. Dann bekommen die Endkunden einfach eine geringere Bremse ausgezahlt. Das würde dann vielleicht umgekehrt die Teuerung ja wieder ein bisschen erhöhen?

F: Das könnte die Teuerung ein bisschen erhöhen, die Großhandelspreise geben das aktuell – glaub ich – nicht her. Aber es könnte eben sein und das wär der erwünschte Effekt, dass es wieder mehr Wettbewerb gibt, dass es mehr Bereitschaft gibt zu wechseln von einem teureren Anbieter zu einem günstigeren Anbieter. Und das halt ich für überlegenswert.

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