michael bürkle

texte … zu bildung, politik und ähnlichem und die einladung zur diskussion …

Michael Bürkle

Latein entzaubern

Wer braucht heute noch welches Latein?

Im österreichischen Nationalrat wird eine inhaltliche Bildungs­reform diskutiert; es geht um Lehrplan­inhalte. Die Medien vereinfachen: es geht für viele da um „Latein vs. KI“. Oder „humanistische Bildung vs. Informatik“. Oder so ähnlich. Es entstehen bunte Begriffs­verwirrungen.

„Humanismus“

Ich denke schon, dass wir weiterhin eine „humanistische“ Bildung brauchen. Den „Humanismus“ sollten wir allerdings nicht verstehen wie der ironisch-irrlichternde Josef Hader im Anstalts-Gespräch mit Georg Schramm ca. 2010. Was Hader da von „Humanismus“ übrig lässt, sollte uns zweifeln machen. Ich denke schon, dass Humanismus auch mit „Kritik-, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit“ zu tun haben sollte und nicht nur in Latein gelernt werden kann. Ich kenne z.B. ein Gymnasium, das ein Fach „KKP“ (für „Kommunikation, Kreativität und Persönlichkeitentwicklung“) entwickelt hat.

Ich habe vor ca. 25 Jahre meinen Sohn in einem staatlichen Gymnasium angemeldet, das treuherzig versicherte, zwar 7 Jahre Latein zu unterrichten, das sei aber nicht „mehr Latein“, denn in der Oberstufe nur „verdünnt“ und hauptsächlich als Vorbereitung für das Erlernen von Fremdsprachen. Das hat sehr modern geklungen, war aber eine Mogelpackung. Die hehren Lehrplan­ziele haben sich im Unterricht selbst nicht gezeigt: das Schulbuch war zwar neu, aber die Lern­unterlagen waren alt: von Spiritus­matrizen abgezogene Blätter als Kopien mit der überholten Termino­logie des Lehrbuchs davor. Insgesamt wurde tatsächlich „mehr“ Latein gemacht und schwierigere Texte wurden übersetzt. Latein wurde zur Klippe und seiner „Hilfs­funktion“ beraubt.
Was im Lehrplan steht, ist halt noch lange nicht das, was unterrichtet wird.

Wenn Bildungsminister Wiederkehr (NEOS) aber meint, es gehe nicht darum, „die humanistische Bildung zu verändern, sondern zu aktualisieren“, ist das an sich auch eine Mogelpackung. aktualisieren ist eben auch verändern. Und Veränderung ist nötig.

Wer braucht Latein?

Wer „braucht“ heute noch Latein? Angehende Mediziner:innen brauchen es, solange die Sprache der Diagnosen Latein ist. Ein „fractum tibiae“ ist ein Schienbeinbruch, sowohl in Österreich als auch in den USA, in Litauen oder Russland. Mit „Humanismus“ hat das sehr wenig zu tun – sondern mit inter­nationaler Fach­kommunikation. Mediziner:innen brauchen i.W. einiges an anatomischem Vokabular.

Auch Jurist:innen brauchen Latein: sie brauchen ebenfalls einiges an Fach­vokabular und ein paar klassische Konstruktionen. Auch das hat mit „Humanismus“ sehr wenig zu tun. Auch Natur­wissenschaftler:innen brauchen ein bisschen was an lateinischen Vokabeln; aber nicht sehr viel.

Ich bin deshalb durchaus dafür, das Fach Latein nicht abzuschaffen, aber auf Wesent­liches einzuschränken – und das dann im realen Unterricht auch durchzusetzen. Latein muss auch kein Maturafach bleiben – als solches braucht es fast kein Mensch. Analyse­fähigkeit kann man mit Latein üben, ja; aber auch in Mathe, in Chemie, in Deutsch, in Geschichte – und in einem Freifach Schach ebenfalls. Der Unterricht muss es wollen, die Lehrperson muss dafür gerade stehen wollen.

Wer braucht noch Latein? Theolog:innen. Ja, eh. Sprach­wissenschaftler:innen – ja, eh, da kann es sehr nützlich sein. Ich denke, dass da Spezial­kurse an der Uni den Bedarf decken können.

Wenn die FPÖ im Nationalrat tobt und ihr Bildungs­sprecher meint: „Wer Latein abwertet, handelt fahrlässig gegenüber unseren Kindern“, dann ist das hochtrabender Unsinn und Stimmen­fischen im konservativen Milieu. Da will einer eine „noble Bildung retten“ – oder eine als „nobel“ vorgegebene. Eine Reduzierung von Latein auf ein Wahlfach mit entsprechender Konzentration auf das Wesentliche ist keine „Abwertung“, sondern würde dem Fach Latein gut tun.

Kürzen „zugunsten von KI“?

Ich halte die Künstliche Intelligenz für eine maßlos überschätzte Technologie, für einen momentan von Konzernen gewollten und gefütterten Hype. Ohne „Natürliche Intelligenz“ im Hinter­grund und bei den Anwend­er:innen führt KI allzu oft in die Irre. Die KI sammelt aus dem Netz blitzartig Sinnvolles, Unnützes und Abseitiges. (KI ohne die Wikipedia im Hintergrund, die von Natürlicher Intelligenz erstellt und laufend verbessert wird, ist ein armes Würstchen! Man vergleiche!)

Ich glaube auch nicht, dass man „KI unterrichten“ muss; man sollte aber das Umgehen mit KI lernen und die Grenzen von KI einschätzen können. Ich brauche dazu aber kein Fach KI in der Sekundarstufe 2, auch nicht „statt Latein“. Ich brauche eine lebendige Auseinander­setzung mit moderner Technologie und ihren Grenzen – in allen Fächern.

Die speziellen Fächer dazu gibt es schon; wir können dabei von der Vermittlung rein technischen Wissens allmählich wegkommen: wir müssen nicht mehr ganze Lehrgänge in „Text­verarbeitung“ (oder gar „Word“), „Tabellenk­alkulation“ (oder gar „Excel“) oder „Präsentations­software“ (oder gar „PowerPoint“) abspulen – wer die wesentlichen Grund­prinzipien begreift, kann das, was man noch dazu braucht, selbst dazu lernen – die Materialien dazu stehen permanent zur Verfügung. Und was man wirklich braucht, ändert sich eh laufend.

Die Bildungsdiskussion

Wir brauchen Menschen, die ihr Wissen flexibel in verschiedenen Situationen einsetzen und anpassen können und dazu verschiedene Technologien nutzen können. Das könnte man im Allgemeinen unter „Natürlicher Intelligenz“ verstehen; ohne die ist KI arm.

Die Bildungsdiskussion müsse man „länger führen“, meint offenbar der Bildungs­sprecher der SPÖ. Ich stimme ihm zu und auch nicht: Bildungs­diskussionen muss man immer (wieder) führen.

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