michael bürkle

texte … zu bildung, politik und ähnlichem und die einladung zur diskussion …

Michael Bürkle

Mehr Werte, weniger Religion

Werte unterrichten!

Das fordert heute ein kleiner Artikel von Michael Völker auf der letzten Seite des Standard; es gibt ihn natürlich auch online. Ja, das ist eine gute Idee; wir haben sie schon vor fast 10 Jahren in Innsbruck umgesetzt.

Wer ist „wir“?

Wir bin ich als damaliger Direktor des Abendgymnasiums Innsbruck mit meinem Team, insbesondere der katholischen Religionslehrerin, dem islamischen Religionslehrer und der Ethiklehrerin.

Was sieht Völker?

Michael Völker gibt im Standard eine kurze Bestandsaufnahme. Der Anteil von Kindern mit muslimischem Glaubensbekenntnis ist in Wiener Pflichtschulen auf 39% gestiegen. 36% Prozent bekennen sich zum Christentum; die meisten, aber nicht alle zu dem katholischer Prägung. Ca. 25% der Schüler:innen haben kein Glaubensbekenntnis. Der hohe Anteil an Moslems ist der Zuwanderung aus Ländern mit einem „strengen“ Islam geschuldet, mit traditionellen Wertevorstellungen, die mit einer aufgeklärten und liberalen Gesellschaft nicht kompatibel sind. Und es gibt extremistische Bestrebungen eines radikalen, politischen Islam. (Extremistische Bestrebungen eines radikalen, politischen Christentums sind in den letzten Jahren in Österreich deutlich schwächer geworden, in den USA aber nicht. Extremistische Bestrebungen eines radikalen, politischen Judentums sind mir aus Israel bekannt, nicht aus Österreich).

Völker möchte für alle diese Kinder einen gemeinsamen Ethikunterricht, in dem die Kinder die Werte unserer Gesellschaft kennen lernen:

Ein erster Schritt wäre es, den Kindern einen gemeinsamen Ethikunterricht anzubieten, in dem alle Religionen erklärt werden und sich die unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse wiederfinden. Den Kindern könnte man so das Bild einer Gesellschaft nahebringen, in der Zusammenhalt, Respekt und Wertschätzung für den anderen Geltung haben. Das hätte einen integrativen Charakter und könnte das Selbstbewusstsein des Einzelnen fördern – egal welche Kirche, Moschee oder Synagoge die Kinder abseits der Schule aufsuchen.

Ja, das sehe ich auch so. Und wir haben das am Abendgymnasium Innsbruck auch (beinahe) erreicht. 2015 habe ich die Pläne beschrieben: „Ethikunterricht verpflichtend! Religion entstaatlichen!“, ca. 2018 haben wir sie dann umgesetzt.

Das Modell des Innsbrucker Abendgymnasiums

Wir haben religiös-christliche Unterrichtsmodule angeboten, religiös-islamische und ethische. Und wir haben uns auf gemeinsame Themen in den Modulen geeinigt, sozusagen auf einen gemeinsamen Lehrplan. Wir haben das als durchlässiges System organisiert. Man konnte nach 8 Modulen in Religion oder Ethik in diesem Fach maturieren.

Wir waren natürlich keine Pflichtschule, sondern an sich eine gymnasiale Oberstufe. Aber das Prinzip stimmt. Und man kann das in der Pflichtschule auch machen. Man muss sich halt von etwas antiken Vorstellungen lösen: Stichwort Konkordat.

Wir haben damit erreicht:

– einen gegenseitigen Respekt zwischen Christen, Muslimen, Agnostikern, Atheisten und allen anderen „Glaubensrichtungen“
– eine ethische Grundausbildung für alle, die sich aus ihrem Religionsunterricht abmelden wollten oder für ihre Religion gar keinen Unterricht bekommen konnten
– eine Eindämmung von Massenabmeldungen aus Religion, denn für alle war dann Ethik Pflicht.

Einen ganz spezifisch katholischen, protestantischen, adventistischen, baptistischen, sunnitischen, schiitischen, alevitischen, buddhistischen, hinduistischen … Religions- bzw. Ethikunterricht haben wir nicht geboten. Das war aus unserer Sicht eine Sache der Kirchen, nicht des Staates.


Beitrag veröffentlicht

in

,
Subscribe
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare
ältesten
neuesten am meisten bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
0
Would love your thoughts, please comment.x