Promis
Prominente Politiker:innen – mir fallen v.a. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen und der bayrische Ministerpräsident und CSU-Chef Söder ein – sprechen von einer Renaissance der Atomkraft und von sog. „Mini-AKWs“, die diese Renaissance tragen werden. Was steckt dahinter?
Konzept
Tatsächlich gibt es Ideen, Aktomkraftwerke (a) kleiner und (b) „modular“ zu bauen: international nennt man das „small modular reactors“ oder „SMR“. In aller Welt forscht man daran.
Was ist das „Modulare“ an diesen Kraftwerken? Die Wikipedia erklärt:
Das Attribut „modular“ bezieht sich darauf, dass wesentliche Komponenten des Primärkreises, insbesondere Reaktordruckbehälter und zugehöriger Kühlmittelkreislauf, in einem integrierten, fabrikgefertigten Modul zusammengefasst sind. Diese Module sind grundsätzlich transportfähig ausgelegt und können einzeln oder in Kombination mehrerer Einheiten eingesetzt werden.
Man kann also wesentliche Teile so eines Dings in einer Fabrik transportfähig herstellen. Ein AKW im Baukastensystem sozusagen.
„klein“?
Mit dem Begriff der „Kleinheit“ ist auch eine Hoffnung auf weniger Abfall (also Atommüll), also auf eine leichtere Entsorgung verbunden. Da kann man Enttäuschendes lesen: „Kleine Reaktoren und weniger Atommüll? Die Mini-AKWs machen die Entsorgung komplizierter“.
Es gibt x Baumodelle für solche Mini-AKWs und die machen u.U. verschiedene Konfigurationen von Atommüll. Es wird deshalb nicht leichter. „Die Frage des Atommülls bleibt derweil bestehen“, schreibt der Artikel auf t3n.de.
Und ja: auch die Leistung der SMRs ist meist kleiner. Man braucht also tendenziell mehrere von ihnen.
Technik?
Naja: die Technik ist i.W. die von AKWs. Es gibt Mini-AKWs in Form von Leichtwasser-, Brut-, Hochtemperatur-, Flüssigsalz- und Schwerwasserreaktoren. Mini-AKWs sind keine grandiose Neuigkeit wie etwa die Kernfusion eine wäre. Wir haben im Großen und Ganzen die gleichen Konzepte der Energiegewinnung wie bei normalen AKWs.
AKW-Brennstäbe brauchen eine kritische Mindest-Masse. Das ist auch bei SMRs so. Das atomare Material wird nicht wesentlich weniger.
Die Mini-AKWs sollen aber schneller aus- und einschaltbar werden.
Gesamtbewertung
Die University of Pennsylvania ist 2022 zum Schluss gekommen:
Laut einer Studie […] erzeugen Small Modular Reactors (SMRs) bis zu 2- bis 30-mal mehr radioaktiven Abfall pro erzeugter Energieeinheit als konventionelle Kernreaktoren. Darüber hinaus weist der Abfall von SMRs eine erheblich stärkere Radioaktivität auf, was die Langzeitlagerung und Entsorgung zusätzlich erschwert. Diese Erkenntnisse werfen Fragen zur Umweltverträglichkeit und Sicherheit von SMRs auf, insbesondere im Vergleich zu bestehenden großen Kernreaktoren.
Die Frage der langfristigen Entsorgung bleibt weiterhin offen. Ohne geschlossenen Kernbrennstoffkreislauf werden die Spaltprodukte weiterhin nur zwischengelagert, bevor eine finale Entsorgung stattfindet.
Die Frage der Endlagerung von Atommüll ist also definitiv nicht gelöst. Mini-AKWs aktualisieren dieses Problem noch und machen es noch komplexer.
conclusio
Politiker:innen, die Mini-AKWs = SMRs propagieren, sollte man a priori nicht trauen. Unter Umständen haben sie sich einfach das Hirn mit Hirngespinsten vollblasen lassen – ohne einen näheren Einblick zu haben. Man muss genau nachfragen, (a) was sie jeweils meinen, (b) wie sicher das ist, (c) wie teuer das ist und (d) welcher Atommüll wo gelagert werden kann.
Warum bloß?
Wir haben nachhaltige Energieformen: Solarenergie, Windenergie, Wasserkraft, Biogas. Alles letztlich Formen der Sonnenenergie, von der es wahnsinnig viel gibt. Es gibt an sich überhaupt keinen Grund, jetzt, wo die fossilen Brennstoffe spürbar abstinken, auf „neue“, „kleine“ AKWs zu setzen.
Außer vielleicht einen:
Die nachhaltigen Energieformen machen eine Vielzahl von normalen Menschen zu Energieproduzent:innen. Sie werden damit energie-autark und damit von Energiekonzernen weitgehend unabhängig. Sie können sich sogar mit anderen Menschen zu Energiegemeinschaften zusammenschließen und die „eigene“ Energie gemeinsam und besonders ökonomisch verwerten. Nachhaltige Energie ist „dezentrale“ Energie. Das hat z.B. österreichische Politiker:innen durchaus gestört.
Mini-AKWs sind AKWs und werden von Stromkonzernen betrieben. Die Konzerne sind Macht-Instrumente der Politik; über die Stromkonzerne haben Politiker:innen auf Staatsebene und regional mächtige Politiker:innen Einfluss auf Preisgestaltung, Inflation, Wirtschaft. Das mögen sie (bzw. viele). Und man kann mit ihnen „zentral“ Geschäfte machen.
Das vermute ich als politische Kernfrage: dezentrale oder zentrale Energieerzeugung? Selbständige oder abhängige Bürger:innen?

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