Veröffentlicht in Privates, allgemein, Bildung, Politik

Eine nette Begegnung …

Über Gott und die Welt, Religion und Glauben und Wissen und überhaupt

Am Wochenende besuchte ich meine Frau, die auf einem Adventmarkt einer Pfarre den Weltladen vertrat. Plötzlich ging ein älterer Herr an mir vorbei, den ich wiedererkannte …

Ich hatte ihn vielleicht 35, 40 Jahre nicht mehr gesehen. Als ich Student oder junger Assistent an der Uni war, war er bereits ein „höheres Tier“ in der Universitätsverwaltung. Heute muss er deutlich über 80 sein, sah aber fast unverändert aus. Ich sprach ihn mit Namen an; er war verwundert und fragte mich nach meinem Namen und meinem damaligen Chef und tat – fast glaubwürdig! – so, als ob auch er mich wieder erkannte. Es entwickelte sich ein sehr nettes Gespräch mit Adressenaustausch und schon am nächsten Tag schickte er mir ein Buch, das er geschrieben hatte – über christliche „Antworten auf den Tod“. Ich recherchierte: er war Diakon und im Pfarrdienst aktiv. Gestern schickte er mir noch ein Mail über …

… „Pascals Wette“:

Lieber Michael!

Beim Lesen bin ich heute auf Pascals Wette gestoßen.
Gilt Pascals Wette, wer auf Gott setzt, verliert nichts? Wir sind in einer Pattsituation. Wir können weder die Existenz noch die Nichtexistenz Gottes beweisen. Die letzten Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu sind Weltanschauungsfragen, also Glaubensfragen. Daher bleibt der Mensch ein Fragender.

Da sagt Pascal: Ich setze auf Gott, Wenn es ihn nicht gibt, habe ich nichts verloren. Wenn es ihn gibt, habe ich alles gewonnen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Mensch die Sehnsucht hat, sich an etwas festzuhalten, er will jemandem ganz vertrauen können. Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Was würdest Du zu Pascals Wette sagen?

Lieben Gruß an Dich und Deine Frau von

Meine Antwort

Das hat mich beschäftigt und ich habe ihm geantwortet:

Lieber …!

Ich kann auf Dein Buch noch nicht solide antworten; da brauch ich mehr Zeit. Ich hab es überflogen und bald bemerkt, dass es mich zum Widerspruch provozieren wird.

Als „Abkürzung“ zur wesentlichen Frage – Existiert ein „Gott“? – bietest Du mir Pascals Wette an (z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Pascalsche_Wette).
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass sich Menschen „an etwas festhalten“ wollen. Ich halte mich an den nüchternen Verstand und fahre gut damit. Ich habe mich von der anerzogenen Umklammerung einer Religion oder eines Gottes weitestgehend gelöst; ich „glaube“ nicht mehr, ich weiß, dass da nach meinem Tod für mich oder von mir nichts mehr sein wird außer der Wirkung, die ich in meinen Nachkommen und meinen Werken überhaupt hinterlasse. (Ich weiß bereits, dass das ausdrücklich nicht das „Weiterleben nach dem Tod“ ist, das Du in Deinem Buch behandelst.)

Ich schließe nicht aus, dass es Dinge gibt, die wir in der Natur- und Geisteswissenschaft noch nicht erfasst haben. Aber einen „persönlichen Gott“, einen Gott mit „Charakter“, „Willen“, „Absichten“ o.dgl., den „Mann mir dem weißen Bart“ – da weiß ich, dass im ganzen Universum kein Platz dafür da ist. Den gibt es nicht; das ist für mich keine Sache des Glaubens mehr, sondern des Wissens. Wir können „die Natur“ als göttlich sehen; gern, kein Problem. Was wollen wir unter einem „Gott“ verstehen? Über unklare Dinge soll man sich nicht in die Haare geraten: ich halte es da im Großen und Ganzen mit Wittgenstein: worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen (oder jedenfalls nicht streiten – gegen ein anregendes Gespräch spricht meistens nichts).

Zu Pascals Wette: sie denkt mir zu kaufmännisch, zu gewinnorientiert. Wenn ich an einen Gott glaube und es gibt ihn, habe ich gewonnen. Wenn es ihn nicht gibt, hab ich nix verloren. Das denkt zu kurz. Es geht da ja auch nicht um einen „Beweis“ Gottes, sondern nur um den „Tauschwert“ des Glaubens. Aber Pascal sieht da wichtige Dinge nicht; ich unterstelle, dass er sie nicht sehen will:
Wenn ich an einen Gott glaube und es ihn – wie ich „weiß“ – nicht gibt, lasse ich einen Einfluss einer Nicht-Existenz und ihrer „Kirchen“ auf mein Leben zu, der meinem Leben gar nicht gut tut. Ich habe das erfahren: der Einfluss meiner sehr katholischen Erziehung hat mir als Kind große Schmerzen bereitet und ich bin – im wahrsten Sinn des Wortes – „z’Tod froh“, diesen Einfluss halbwegs abgeschüttelt zu haben. Also: Pascal irrt, wenn er annimmt, dass Glauben „nichts kostet“. Glaube kann Lebensqualität rauben; die Zustände in den Kirchen zeugen davon. (Klar: Glauben kann auch vermeintliche Sicherheit und Trost bieten; das will ich niemandem wegnehmen, der das braucht. Ich geh deshalb auch nicht aktiv „atheistisch missionieren“.)
Glaube kann das Gesichtsfeld verengen und Sichtweisen einschränken, den Zugang zur Vernunft verlegen. Und wenn ich weiß, dass da kein persönlicher, abrechnender, be- und verurteilender Gott ist, kann ich dann in Ruhe sterben, wenn es so weit ist und brauche keine Angst vor Höllenfeuer zu haben.

Ich habe den Verlust des mir angelernten Glaubens zugunsten von Wissen als sehr befreiend erlebt. Ich muss an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel nicht glauben, nicht an die Entstehung der Welt in 6 Tagen, nicht an die Erlösung der Menschheit von ihren Sünden durch den Foltertod eines Einzelnen, nicht an seine jungfräuliche Geburt, nicht an die Unfehlbarkeit des Papstes, aber auch nicht an die Eingebungen eines Arabers aus dem 6. Jahrhundert, der sich als von Gott gesandt wähnte, aber auch nicht an die achtarmige Kali, die auf Shiva tanzt usw. usf. (Den Buddhismus und den Animismus lassen wir weg …)

Ich bin für Religionsfreiheit – im Doppelsinn des Wortes. Wer Religion braucht, soll sie haben, solange er damit andere nicht beeinträchtigt. Wer von Religion frei sein will: herzlich willkommen bei einer vernünftigen Weltverbesserung, die dringend notwendig wäre und der wir beim Klimagipfel keinen Zentimeter näher gekommen sind.

Kurz gesagt: ich bin agnostischer Atheist oder atheistischer Agnostiker: man kann über „das völlig andere“ nichts sagen und schon gar nichts beweisen, aber außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass es „das völlig andere“ eh nicht gibt. Wir kommen bzw. kämen ohne „das völlig andere“ auch leicht aus; es ist nicht nötig.

Das ist jetzt etwas länger geworden als geplant; ich schreib auch sonst viel. Wenn Du kurze Produkte meines Denkens lesen willst, kann ich Dir meinen Blog anbieten: www.buerkle.work. Religion kommt da manchmal vor; Bildung sehr viel öfter; viel auch über Politik und über Wissenschaft. Du kannst dort auch über Postings mit mir und der Welt in Diskussion treten.

Ich hoffe, ich habe Dir nicht Deinen Tag vergällt und wünsche Dir eine gute Zeit.

michael bürkle

Tja …

Wann bekommt man schon Gelegenheit, auf die Schnelle wesentliche Teile seines Weltbilds niederzuschreiben?

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