Der Generaldirektor ist zurückgetreten. So what?
Eine ORF-Mitarbeiterin hat dem Generaldirektor Roland Weißmann sexuelle Belästigung vorgeworfen und das gegenüber dem Vorsitzenden des Stiftungsrats mit Unterlagen belegt. Herr Weißmann sieht das völlig anders, ist aber zurückgetreten.
So what? Sexuelle Belästigung kommt in unserer immer noch patriarchalen Gesellschaft leider oft (und also viel zu oft) vor und muss bekämpft werden. Ein Rücktritt, der zur Klärung von Vorwürfen beiträgt, ist zu begrüßen.
Ingrid Thurnher ist eine erfahrene Moderatorin und Journalistin und hat interimistisch die Leitung des ORF übernommen.
Die Medien schreien „Chaos“!
Alle möglichen Medien orten darauf „Chaos!“ im ORF. Warum nur? Der Rücktritt eines (potenziellen) Belästigers kann doch einen staatlichen Rundfunk nicht in ein Chaos stürzen. So ein Rücktritt ist etwas Normales – im wahrsten Sinn etwas „Stinknormales“.
Etwas Aufklärung bringt unter Umständen das neue profil in die Angelegenheit. Unter dem Übertitel „Der gestörte ORF“ beschreiben Chefredakteurin Anna Thalhammer, Gernot Bauer und Daniela Breščaković (S. 5, 10-17) das „Klima“ im ORF als männerbündlerisch-patriarchales Biotop durch und durch.
Tja: das kann ich nicht beurteilen. Aber wenn das stimmt, ist der „Fall“ Weißmann jedenfalls eine Chance, gravierende Verbesserungen zu erreichen. Generaldirektorin Thurnher könnte ein erster Schritt sein.
Kein „Chaos“
Von „Chaos“ im ORF bemerke ich nichts. Das Radio- und Fernsehprogramm ist ungestört; auch der online-Auftritt funktioniert tadellos. Der ORF verfügt mit dem Radiosender Ö1 über eines der besten Radioprogramme weltweit; das Fernsehprogramm bietet „für alle etwas“, was dazu führt, dass mich Vieles nicht interessiert – manches aber schon. Dass der ORF sehr wichtig und als Informationsquelle unersetzlich ist, steht für mich außer Frage.
Außer Frage steht auch, dass er vor jedem parteipolitischen Einfluss geschützt werden sollte.
