Bei einer Hochzeit gewesen …
Vor Kurzem war ich zu einer Hochzeit eingeladen, mit kirchlicher, also römisch-katholischer Trauungsfeier.
Die gesamte Gesellschaft aus zwei Familien und ihren Umfeldern hatte sich in der Kirche versammelt; der Bräutigam stand am Altar. Die Braut war nicht da. Da öffnete sich die Kirchentür und der Brautvater und an seiner Hand die Braut betraten die Kirche, gingen gemessenen Schrittes zwischen den Kirchenbänken durch die Gäste das ganze Kirchenschiff lang bis zum Altar, wo der Brautvater dem Bräutigam seine Tochter in die Hand übergab.
Mich hat das peinlich berührt: das Patriarchat feiert da fröhliche Urständ, hab ich mir gedacht. So was kann man doch heute nicht mehr ohne Ironie machen. Hab ich mir gedacht…
Aber …
Freunde aus arabischen Ländern haben mir aber mitgeteilt, das sei jetzt „modern“. Bei ihnen werde bzw. wurde früher die Braut von der Familie bzw. der Sippe des Bräutigams mit Musik und Getrommel abgeholt. Laut! Ganz öffentlich, in großem Stil.
Kann sein …
Tja: es kann schon sein, dass die oben skizzierte „westliche“ Tradition arabischen Menschen „modern“ erscheint, geradezu „gemäßigt“.
Aber heute müsste man für moderne „westliche“, demokratische, emanzipierte Menschen doch sinnvollere Inszenierungen finden. Ich hab auch schon welche erlebt, die waren aber nicht „kirchlich“.
Das Patriarchat
Wir leben immer noch in einem Patriarchat. Das äußert sich z.B. im gender pay gap und noch in ein paar anderen gender gaps (gender care gap, gender pension gap …). Es verdünnt sich zwar langsam, sehr langsam – aber in Traditionen macht es sich immer wieder sicht- und spürbar. Es hat Sinn, da dagegen zu arbeiten, auch wenn es bisweilen schwierig werden mag, das traditionelle Bild vom „schönsten Tag“ zu hinterfragen und damit Väter, Mütter, Tanten und Onkels vor den Kopf zu stoßen.
