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Michael Bürkle

Die Psychologie des Autofahrers

utopia.de interviewt Boris von Heesen

Das online-Magazin utopia.de hat vorgestern ein Interview mit dem Männerberater Boris von Heesen publiziert. von Heesen ist „Autor und zertifizierter Männer-, Jungen- und Gewaltberater“; das Interview trägt die Überschrift „«Das Auto ist eine lackierte Ritterrüstung»: Männerberater erklärt, was die Verkehrswende blockiert“.

Leider ist das gesamte Interview nur lesbar, wenn man sich auf utopia.de anmeldet. Das ist zwar kostenlos möglich – gegen Hinterlassung einer Mail-Adresse freilich. Ich denke, ich kann ein paar m.E. bemerkenswerte Stellen zitieren, die Fragen sind kursiv:

Betrachten Männer Autos grundlegend anders als Frauen?

Das Automobil ist eine Art Fortschreibung der patriarchalen Erzählung. „Sei laut, sei durchsetzungsfähig, nimm Raum ein, geh in Konkurrenz, schotte dich von der Welt ab“: Das ist tief in einem bestimmten Bild von Männlichkeit verankert, das wir sehr früh erlernen – auch ich selbst. Das Automobil gleicht einer lackierten Ritterrüstung.

Männer betrachten Autos demnach als Schutzausrüstung vor der Außenwelt?

Ich habe außerhalb und innerhalb meiner Männerberatung viele Gespräche mit Männern geführt, in denen sie erzählen, dass das Auto ihr letzter Schutzraum ist. Dort können sie ihre Musik hören, niemand sagt ihnen, was sie tun sollen und sie fühlen sich sicher. Nach meinen Recherchen nutzen Frauen das Automobil viel häufiger einfach, um von A nach B zu kommen, die Kinder abzuholen oder einkaufen zu gehen.

[…]

In Ihrem neuen Buch „Mann am Steuer: Wie das Patriarchat die Verkehrswende blockiert“ haben Sie recherchiert, dass autofahrende Männer jedes Jahr 14 Milliarden Euro Mehrkosten verursachen als Frauen. Diese hohen Summen machen sprachlos.

Es ist wichtig, diese Zahlen zu kennen und öffentlich zu machen, denn mit 14 Milliarden Euro könnte man jedes Jahr etwa 10.000 Kilometer Radwege bauen. Ich möchte damit keinen Mann abwerten, sondern zeigen, dass die Prägung, die wir als Männer in dieser Gesellschaft mitbekommen, enorme gesellschaftliche Schäden verursacht, unter denen alle leiden – auch wir selbst.

[…]

Müssen wir zuerst die patriarchalen Strukturen abschaffen oder zuerst ÖPNV, Rad und Fußwege massiv ausbauen, um die Verkehrswende hinzubekommen?

Der Ausbau von ÖPNV und Radwegen kann nur dann wirklich gelingen, wenn wir das Patriarchat dekonstruiert haben – weil sonst nicht genügend Menschen in die Positionen kommen werden, um diese Entscheidungen zu treffen. Doch man sollte sofort loslegen, wenn die Möglichkeit besteht, viel für Radverkehr, Fußverkehr und die Mobilität von Menschen mit Beeinträchtigungen zu tun. Das geht schneller und können wir innerhalb von zwei, drei Jahren Veränderungen sehen. Die Dekonstruktion des Patriarchats ist, bei allem Optimismus, ein Generationenthema. Und da rede ich nicht von einer Generation, sondern von mehreren.

Tja: Boris von Heesen fordert hier die Dekonstruktion des Patriarchats, um den Ausbau von ÖPNV und Radwegen zu schaffen. Ich kann mir das auch umgekehrt vorstellen. Aber das sieht von Heesen letztlich eh ähnlich: „Doch man sollte sofort loslegen, wenn die Möglichkeit besteht, […]“

Welche gesellschaftlichen Schritte braucht es, um die Verkehrswende voranzutreiben?

In meinem Buch plädiere ich für die „mobile Befreiung“, die dem Zufußgehen und Fahrradfahren ihre transformatorische Kraft zurückgeben soll. Das Fahrrad etwa hat eine enorme Kraft für die Verkehrswende. Heute Morgen habe ich bei Instagram einen Post gesehen, bei dem ein Radfahrer durch die Stadt radelt und schreibt: „Ich weiß gar nicht, wie hoch die Spritpreise aktuell sind.“ Das ist eine Kleinigkeit, aber solche Mikro-Kampagnen, an denen jeder teilhaben kann, zeigen der Welt: Wir können uns ein Stück weit vom Auto befreien. Das können wir relativ kurz- und mittelfristig angehen, indem wir mit gutem Beispiel vorangehen und uns lokal dafür einsetzen, dass dem Fahrrad mehr Priorität eingeräumt wird.

sukkus

Ja, ich glaube, der Mann hat aus seinen beruflichen Erfahrungen als Männer- und Gewaltberater viel gelernt und kann das auf Gesellschafts- und Verkehrspolitik übertragen. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.


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