Tiroler Landeshauptmann gegen eine 6-jährige Volksschule
Der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) hat sich gegen die Pläne Minister Wiederkehrs (NEOS), die Volksschule auf 6 Jahre zu verlängern, ausgesprochen. Die Argumente sind klar: Volks- und Mittelschulen umbauen kann verdammt teuer werden – ich hab das schon vor Kurzem beschrieben, am 4. Mai in „Wiederkehrs Schulwandel“.
Die Argumente für eine 6-jährige Volksschule sind auch klar: sie würde den gewaltigen Stress, den derzeit 9- bis 10-jährige Kinder (und ihre Eltern) haben, weil ihre Noten über die zukünftige Schullaufbahn entscheiden, um 2 Jahre verschieben. Das wäre m.E. noch keine wirklich gute Lösung, höchstens ein Schritt in die richtige Richtung. Wiederkehr hat es aber eh nicht so eilig: er will lediglich bis 2029 ein „Konzept auf dem Tisch“. Ich denke, das kann er bekommen.
Eine andere Lösung
Ich möchte hier eine andere Lösung vorschlagen, eine – sagen wir – „inhaltlich-administrative“. Ein zentrales Element ist dabei das der Zusammenarbeit von Schulen.
Derzeit entscheiden die Schulnoten 9- oder 10-jähriger Kinder, welchen Schultyp sie ab der 5. Schulstufe besuchen können: Mittelschule oder Gymnasium. Die 5. bis 8. Schulstufe gilt als die „Sekundarstufe 1“; aus der Sicht eines Gymnasiums handelt es sich um die sog. „Unterstufe“.
Gymnasien gibt es in Tirol 28 Stück; von denen sind einige kostenpflichtige Privatschulen und einige auschließlich in der Sekundarstufe 2 angesiedelte Oberstufengymasien. Wenn ich mich nicht verzählt habe, haben 15 staatliche Gymnasien in Tirol eine Unterstufe, also eine Sekundarstufe 1. Die anderen 13 Gymnasien sind entweder privat und kostenpflichtig oder reine Oberstufenschulen.
Die Tiroler Gymnasien:
(Bei Vergrößerung könnte man erkennen, dass der Knubbel in Innsbruck allein schon 8 Gymnasien ausmacht.)
Mittelschulen gibt es deutlich mehr: das sind 104 Stück; die gibt es nicht nur in den Städten, sondern auch in den Tälern. Man sieht schon an dieser Aufteilung: „das Gymnasium“ ist eher städtisch, „die Mittelschule“ eher ländlich orientiert.
Die Tiroler Mittelschulen:
Damit hätten wir in Tirol 15 + 104 = 119 staatliche Schulen, die eine Sekundarstufe 1 ohne privates Schulgeld anbieten. Zwischen diesen Schulen müssen in Tirol derzeit 9- bis 10-jährige Kinder bzw. ihre Eltern wählen. Und diese Wahl macht Stress und verursacht Probleme.
Dabei ist der Stoff in all diesen Schulen sehr ähnlich: es ist der Stoff der Sekundarstufe 1. Es gibt bis auf Schwerpunktbildungen ganz wenige Unterschiede; ein Fach wie z.B. „Latein“ wird man halt an Mittelschulen nicht finden. Es gibt trotzdem die traditionellen Unterschiede zwischen Mittelschule und Gymnasium, die diese Wahl so stressig machen. Es ist vor allem der Imageunterschied, der auch durch die Geschichte des Schulsystems erzeugt wird: das Gymnasium als „städtische“ und scheinbar „anspruchsvolle“ Schule, die „Nachhilfe voraussetzt“; die Mittelschule als ländliche, etwas „einfachere“ Schule, wie ich das schon am am 4. Mai in „Wiederkehrs Schulwandel“ skizziert habe.
Vorschlag: „Schulverbände“, Zusammenarbeit
Mein Vorschlag besteht darin, sog. „Schulverbände“ einzuführen und die Zeugnisse der Sekundarstufe 1 über diese Schulverbände zu vergeben. Jedes der 15 staatlichen Tiroler Gymnasien mit einer Unterstufe definiert dann einen solchen Schulverband; in diesem Schulverband arbeitet dieses Gymnasium mit einigen Mittelschulen (evtl. allen des Bezirks) eng zusammen. Das beinhaltet auch den Austausch von Lehrpersonen und die Koordination von Schwerpunkten; das umfasst auch gemeinsame Schulprojekte.
Alle Kinder so eines Schulverbands „gehören“ damit schon zu einem Gymnasium, egal, ob sie die Sekundarstufe 1 direkt in diesem Gymnasium oder in einer Mittelschule dieses Schulverbands besuchen. Alle Kinder eines Schulverbands sind bei der Aufnahme in die Oberstufe / Sekundarstufe 2 gleichberechtigt; einen „Schulverbandswechsel“ gibt es allenfalls beim Aufstieg in die Oberstufe oder beim Wechsel des Wohnorts über der Bezirksgrenze. Alle Kinder erhalten Zeugnisse, auf denen sowohl der Schulverband als auch die Schule vermerkt sind.
Ich glaube, dass so eine enge Zusammenarbeit von Mittelschulen und gymnasialen Unterstufen (a) sowieso sinnvoll wäre und (b) die Entscheidung über den Schulweg ab der 5. Schulstufe deutlich entschärfen würde. Die „wirkliche Entscheidung“ fiele am Ende der Sekundarstufe 1 im Alter von 13-14 – und dort gehört sie auch hin. Dann geht es sowieso auch um den Umstieg auf Berufsbildende Schulen und Oberstufenschulen.
Beispiele gefällig?
Im Bezirk Reutte haben wir ein staatliches Gymnasium mit Unterstufe und 5 Mittelschulen. Das wäre ein typischer Schulverband Reutte. Zusammenarbeit ist da sicher sehr sinnvoll und fruchtbar.
In Innsbruck und Innsbruck-Land haben wir 6 staatliche Gymnasien mit einer Unterstufe; das wären 6 Schulverbände, auf die sich die ca. 25 Mittelschulen der Bezirke Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land aufteilen sollten.
Die Unterstufen der Privatgymnasien der Ursulinen und der Franziskaner in Hall würde ich herzlich zur Mitarbeit in diesen Schulverbänden einladen und ermuntern.
Jedes Kind hätte für den Einstieg in die Oberstufe bereits in einem Gymnasium „einen Fuß in der Tür“, jedes Kind hätte in der Sekundarstufe 1 Erfahrungen mit Lehrpersonen aus Gymnasien und aus Mittelschulen, (tendenziell) jede Lehrperson würde Kinder aus Gymnasien und aus Mittelschulen kennen lernen und unterrichten und „beide Welten“, die übrigens gar nicht so verschieden sind, kennen. Jedes Kind bekäme als Abschlusszeugnis das eines Schulverbands, das sowohl den Verband (also das Gymnasium) als auch die konkrete Schule benennen würde.
Auf diese Weise entstünde endlich eine gemeinsame Sekundarstufe 1, in der es ziemlich egal ist, wie die Schule heißt, die ein Kind besucht.


