michael bürkle

texte … zu bildung, politik und ähnlichem und die einladung zur diskussion …

Michael Bürkle

Von Gijón nach Kansas

Heute findet ein geschichtsträchtiges Fußballspiel statt

Die Situation heute

Heute treffen im letzten Spiel der Vorrunde der Fußball-WM in Kansas-City die National­mannschaften von Österreich und Algerien auf einander. Beide haben bisher gegen Argentinien verloren und gegen Jordanien gewonnen. Sie haben beide 3 Punkte, Österreich ein Torverhältnis von 3:3 (3:1 gegen Jordanien, 0:2 gegen Argentinien), Algerien eines von 2:4 (2:1 gegen Jordanien, 0:3 gegen Argentinien).

Es geht um den Aufstieg in die finalen K.O.-Spiele, zunächst in ein „Sechzehntel­finale“. Die beiden Gruppenersten steigen auf, der Gruppenletzte scheidet aus, beim Gruppendritten kommt es auf das Torverhältnis im Vergleich mit den Dritt­platzierten anderer Gruppen an. Da wird es ein bisserl undurchsichtig – aber mit einigem Aufwand ist Klarheit möglich.

Wenn Österreich gewinnt, steigt Österreich auf und Algerien scheidet aus. Bei einem Unent­schieden steigt Österreich als Gruppenzweiter auf und Algerien als Gruppendritter mit dann 4 Punkten höchstwahrscheinlich auch. Wenn Algerien gewinnt, ist Algerien Zweiter und steigt auf und Österreich als Drittplatzierter mit negativem Torverhältnis scheidet vermutlich aus. „Vermutlich“, weil das auch noch von den heutigen Spielergebnissen in den Gruppen K und L abhängt. Weil Österreich-Algerien das letzte Spiel der Vorrunde ist, wissen wir kurz davor noch Genaueres.

So weit, so kompliziert, aber eigentlich gar nicht so. Relativ einfach.

Die Historie!

Am 25.6.1982, also vor fast genau 44 Jahren, fand in der spanischen Stadt Gijón ein Fußballspiel im Rahmen der WM 1982 statt. Dieses Spiel ist als „Schande von Gijón“ (oder „Nicht­angriffs­pakt“) in die Fußball-Geschichte eingegangen.

Vor dem Spiel hatte Österreich 2 Spiele gewonnen, hatte also (damals) 4 Punkte und ein Torverhältnis von 3:0. Algerien hatte ebenfalls 2 Spiele gewonnen, darunter mit 2:1 gegen Deutschland, und also 4 Punkte, aber eines – das gegen Österrecich – verloren und ein Torverhältnis von 5:5. Deutschland hatte erst ein Spiel – das gegen Chile – gewonnen und eines – das gegen Algerien mit 1:2 – verloren. Es hatte erst 2 Punkte und ein Torverhältnis von 5:3. Deutschland „musste gewinnen“.

Es stand so:

Pl. Land Sp. S U N Tore Diff. Punkte
 1. Österreich  2  2  0  0  3:0  +3 4:0
 2. Algerien  3  2  0  1  5:5  ±0 4:2
 3. BR Deutschland  2  1  0  1  5:3  +2 2:2
 4. Chile  3  0  0  3  3:8  −5 0:6

Das Spiel begann zügig und bereits früh, in der 11. Minute, erzielte der deutsche Mittelstürmer Horst Hrubesch ein Kopfballtor zum 1:0 für Deutschland. Eine Zeit lang ging das Spiel noch halbwegs normal weiter, aber sehr bald verflachte es fürchterlich. (Man findet heute noch Videos davon.) Die beiden Mannschaften zeigten keinerlei Initiative – mit ganz wenigen Ausnahmen – und waren offensichtlich mit dem Ergebnis zufrieden. Na klar: 1:0 für Deutschland hieß für die Tabelle:

Pl. Land Sp. S U N Tore Diff. Punkte
 1. BR Deutschland  3  2  0  1  6:3  +3 4:2
 2. Österreich  3  2  0  1  3:1  +2 4:2
 3. Algerien  3  2  0  1  5:5  ±0 4:2
 4. Chile  3  0  0  3  3:8  −5 0:6

Beide Mannschaften hatten damit die nächste Runde erreicht – und Algerien war ausgeschieden. Punktegleich, aber mit dem schlechtesten Torverhältnis der 3 Teams.

Schon im Verlauf des Spiels regten sich sehr viele algerische Zuschauer auf und wedelten mit Geldscheinen. Deutsche und österreichische Reporter gaben ihr Missfallen kund. Ich kann mich an das Spiel noch erinnern: es war extrem peinlich.

Ein Lernprozess für die FIFA

Die FIFA verdankt den damaligen Mannschaften aus Deutschland und Österreich einen Lernprozess. Seit dem Spiel achtet die FIFA darauf, dass entscheidende Gruppenspiele zum gleichen Zeitpunkt stattfinden. In Gijón hatte Algerien sein Programm bereits mit dem Spiel gegen Chile am Tag davor absolviert; Ösis und Deitsche konnten sich am Ergebnis orientieren. Das geht heute nicht mehr so einfach. Das Spiel in Gijón hat einen Lernprozess in Gang gesetzt.

War es Betrug?

War das Spiel „geschoben“? Ich glaube: nicht von vornherein. Aber mit der Fortdauer des Spiels wurde immer mehr Spielern klar, dass weitere Anstrengung nicht nötig, ja vielleicht sogar kontraproduktiv war. Erzielten die Österreicher ein Tor, mussten die Deutschen wieder eines schießen; nur ein weiteres Tor für Deutschland hätte die Situation nicht gravierend verändert, aber wenn Deutschland noch mehrere Tore schießen würde, würden die Österreicher im Torverhältnis hinter Algerien fallen und ausscheiden.

Wer war beteiligt? Durchaus Prominenz auf beiden Seiten: für Deutschland spielten  Toni SchumacherUli StielikeManfred Kaltz, Karlheinz Förster, Hans-Peter BriegelKarl-Heinz Rummenigge ein weißes C in blauem Kreis (66. Lothar Matthäus), Wolfgang Dremmler, Paul Breitner, Felix MagathHorst Hrubesch (68. Klaus Fischer), Pierre Littbarski; für Österreich waren Friedrich KonciliaErich Obermayer ein weißes C in blauem KreisBernd Krauss, Bruno Pezzey, Josef DegeorgiRoland Hattenberger, Heribert Weber, Herbert Prohaska, Reinhold HintermaierWalter Schachner, Hans Krankl am „Werk“. Viele „Heroen“ und heute Medienpersönlichkeiten, auf beiden Seiten.

„Rache“?

Es gibt offenbar Menschen, die heute, 44 Jahre später, algerische „Rache“ für die „Schande von Gijón“ nehmen wollen. Ein Bezirksblatt hat Indizien dafür wahrgenommen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es solche Leute gibt; sie müssten in meinem Alter sein. Aber ich glaube nicht wirklich an eine algerische „Rache“. 44 Jahre sind lang und was will man als damaliger Zuschauer schon tun?

Ich erwarte mir für heute Nacht kein besonderes Spiel; ich erwarte mir zwei etwa gleichwertige Mannschaften (mit den Weltranglistenplätzen 22 und 29), die beide zunächst gut spielen und gewinnen wollen – und die bei längerer Fortdauer eines unentschiedenen Spielstands vielleicht etwas auf allzu scharfe Angriffe verzichten werden, weil natürlich – heute viel mehr als damals – jeder Angriff auf das Tor des Gegners Lücken öffnet und damit schnelle Gegenangriffe ermöglicht. Verlieren ist für beide Seiten heute sozusagen „verboten“, für die Algerier sogar ein Grund für ein Ausscheiden, für die Österreicher ziemlich sicher auch. (Genaueres, wie gesagt, erst kurz vor dem Spiel.) Ein Remis ist eine – man muss es zugeben – win-win-Situation für beide Teams, die aber manche algerische Veteranen nicht zufrieden stellen wird.

Das Heimtückische

Wir sind wieder im Heute. Der Zweite der Gruppe trifft im Sechzehntelfinale auf Spanien. Puuh! Schwierig. Der Dritte der Gruppe trifft – wenn er sich überhaupt qualifiziert, und das hängt von Torverhältnissen ab – auf einen anderen Gruppensieger als Spanien; gut möglich wäre die Schweiz.

Kann es sein, dass es Österreicher gibt, die lieber knapp gegen Algerien verlieren, damit sich Algerien als Gruppenzweiter um Spanien kümmern muss und man selbst als Gruppendritter gerade noch qualifiziert gegen die Schweiz antreten kann? Kann das sein?


Beitrag veröffentlicht

in

, ,
Subscribe
Benachrichtige mich bei
guest

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

1 Kommentar
ältesten
neuesten am meisten bewertet
1
0
Would love your thoughts, please comment.x