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23.9.2017: Endzeitmythologisches

Im Urlaub in Holland habe ich zum ersten Mal von den mythologischen Sternkonfigurationen um den 23.9.2017 erfahren. Ich habe Menschen kennengelernt, die daran glauben, dass am 23.9.2017 etwas ganz Besonderes passieren wird. Manche in Israel erwarten den Messias; viele freikirchliche Christen erhoffen das Kommen des Erlösers oder frisch gleich die Aufnahme in den Himmel.

Ich erwarte und prophezeie, dass wir im nächsten Monat auch in Mitteleuropa noch mit diesen Mythologien konfrontiert werden. Und da kann ich vielleicht was zu Enttarnung und Entwarnung beitragen.

Die Offenbarung des Johannes

Die Offenbarung des Johannes oder die Apokalypse ist das letzte Buch des Neuen Testaments. Es prophezeit eine Art Endzeit, Weltuntergang, den Krieg zwischen göttlichen und teuflischen Mächten und den Beginn eines Gottesreichs.

Zum Beispiel heißt es am Anfang von Kapitel 12:
[1] Und es erschien ein gewaltiges Zeichen am Himmel: eine Frau, bekleidet mit der Sonne, und der Mond unter ihren Füssen, und auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.
[2] Sie ist schwanger, und sie schreit in den Wehen und Schmerzen der Geburt.
(https://www.bibleserver.com/text/ZB/Offenbarung12)

Okay: der Autor, ein gewisser Johannes, hat da irgendwann vermutlich zwischen den Jahren 70 und 100 einige Visionen gehabt. Was hat das mit dem 23.9.2017 zu tun?

Die „Jungfrau“ am 23.9.2107

Es gibt das Sternbild Jungfrau. Sternbilder sind uralt, weit älter als das Christentum. Sie sind keine im strengen Sinn astronomischen Größen, sondern Orientierungshilfen. Die mesopotamischen Sterndeuter haben, um sich am Himmel besser orientieren zu können, Sternkonfigurationen als Figuren aufgefasst. (Diese Orientierungsregeln wurden im 20. Jh. auch astronomisch kodifiziert.) Dass diese Figuren keine realen Gegebenheiten sind, sollte klar sein. Die „Jungfrau“ ist keine Jungfrau und steht auch für keine; der „Löwe“ ist kein Löwe und steht auch für keinen. Usw.

Klar wurden diese Orientierungshilfen als astrologische Größen für einen der ältesten, heute noch (zumindest finanziell) „funktionierenden“ Aberglauben missbraucht.

Nun ist es tatsächlich so, dass vor dem 23.9.2017 der Planet Jupiter vom Löwen kommend sich ins Sternbild der Jungfrau bewegt und dort um den 23.9. in Hüft- oder Oberschenkelhöhe verweilt und dann nach Westen („nach unten“) ins nächste Sternbild verschwindet. (Das macht Jupiter auf seiner Bahn immer wieder so.) Außerdem befinden sich um den 23.9. die Planeten Merkur, Venus und Mars  im Sternbild des Löwen, das an die Jungfrau angrenzt. Die Sonne ist mittags auch an der linken Schulter der Jungfrau – die man mittags allerdings nicht sehen kann. Und außerdem sieht man den Mond mitternachts am linken Fuß der Jungfrau. (Diese Konfiguration tritt alle paar tausend Jahre einmal auf.)

Etwa so:

(Das Bild ist ein screen shot aus einem Video, das mit der astronomischen software „stellarium“ produziert wurde. stellarium hat an sich nichts mit Sternbildern zu tu; man kann sie auch aber als Orientierungshilfe anzeigen lassen.)

Und was hat das mit einander zu tun?

Was haben nun der Text aus der Offenbarung und diese Sternenkonstellation mit einander zu tun? Meines Erachtens nichts, nicht das Geringste. Aber es gibt Menschen, die sehen Parallelen und interpretieren diese Parallelen, die sie sehen. Nämlich:

Das Sternbild Löwe besteht an sich aus 9 Sternen; mit Merkur, Venus und Mars sind es 12 und es kann dann als „Krone von 12 Sternen“ über der Jungfrau aufgefasst werden (???). Die Jungfrau sei eine „Frau“ (???) und hat sozusagen „den Mond unter ihren Füßen“ (???). Die Sonne sitzt ihr (mittags) auf der Schulter und „bekleidet“ (???) sie. Der Jupiter stehe „traditionell“ (???) für ein göttliches Wesen (Jesus?, der Messias?, ???) und werde „geboren“ (???), indem er das Sternbild der Jungfrau aus dem Hüftbereich verlasse. Wenn man will, findet man auch noch passende Zeiträume (für „Schwangerschaft“ etc.)

Ja, so in etwa wird das gelesen. Man benützt Astronomie, um mit ihr Astrologie zu betreiben, vermischt das Ganze noch mit etwas selektiver Bibelexegese, um damit einen ca. 1900 Jahre alten visionären Text zu „erklären“ – und dann noch Schlüsse auf die heutige Realität zu ziehen!

Die Schlüsse, die verschiedene fundamentalchristliche und andere Astrologen ziehen, sind verschieden. Gemeinsam einig sind sie sich darin, dass um den 23.9.2017 Gott „etwas Großes“ vollbringen werde. Was das sein werde, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. (Es könnte ja bloß auch eine neuerliche jungfräuliche Geburt in einem Stall in Syrien, Afghanistan, Palästina oder Somalia sein. Manche erwarten aber das Ende der Welt.)

Meine Prophezeiungen

1. Wir werden vor dem 23.9. noch einiges Mythologisches in dieser Angelegenheit hören & lesen. Das Internet, z.B. YouTube, ist jetzt schon voll davon. Das meiste ist noch US-amerikanisch, aber die europäischen Astrologie-Interpretanten werden noch aufholen. Es wird bis in unsere „seriösen“ Medien schwappen.

2. Am 23.9. wird nichts Wahrnehmbares passieren, außer …

3. … Dinge, die die Astrologie-Interpretanten selbst herstellen, weil sie dran glauben. Es könnte sein, dass einige Menschen dran glauben müssen, weil andere daran glauben. Immer wieder haben Sektenführer ganze Sekten ausgelöscht oder in den kollektiven Selbstmord getrieben, indem sie sich auf Weissagungen festgelegt haben. Das ist die einzige wirkliche Gefahr der Astro-Mythen.

Aber wie gesagt: Man braucht heutzutage an sich keine „Geheime Offenbarung“ und Sternbildkonfigurationen, um Angst um die Zukunft zu bekommen. Trump, Kim, Putin und Konsorten genügen. Welthunger, Terrorismus, Klimawandel, Ausbeutung sind an sich Katastrophen genug; Sternbilder sind da überflüssig.

Christlich-astrologische Mythologien lösen keine Probleme. Verstand wäre dazu in der Lage. „Hier ist Weisheit gefordert!“


Nachtrag & Ergänzung

Und dann wäre da noch Offenbarung, nächstes Kapitel, das 13. Leider ohne Bezug zur „Jungfrau“ und zum 23.9.:

1 Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen.
2 Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht.
3 Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier,
4 und sie beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen?
5 Und es wurde ihm ein Maul gegeben, zu reden große Dinge und Lästerungen, und ihm wurde Macht gegeben, es zu tun zweiundvierzig Monate lang.
6 Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und seine Hütte und die im Himmel wohnen.
7 Und es wurde ihm gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und es wurde ihm gegeben Macht über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen.
8 Und alle, die auf Erden wohnen, werden ihn anbeten, alle, deren Namen nicht vom Anfang der Welt an geschrieben stehen in dem Lebensbuch des Lammes, das geschlachtet ist.
9 Hat jemand Ohren, der höre!
10 Wenn jemand ins Gefängnis soll, dann wird er ins Gefängnis kommen; wenn jemand mit dem Schwert getötet werden soll, dann wird er mit dem Schwert getötet. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!
11 Und ich sah ein anderes Tier vom Land aufsteigen; das hatte zwei Hörner gleich einem Lamm, und es redete wie ein Drache.
12 Und die ganze Macht des ersten Tieres übt es aus vor dessen Augen. Und es bewirkt, dass die Erde und die sie bewohnen das erste Tier anbeten – das Tier, dessen Todeswunde geheilt worden ist.
13 Und es tut grosse Zeichen, sogar Feuer lässt es vor den Augen der Menschen vom Himmel auf die Erde fallen;
14 und es verführt die Bewohner der Erde kraft der Zeichen, die es auf Geheiss des Tieres vor dessen Augen tat. Und es befiehlt den Bewohnern der Erde, ein Bild zu machen für das Tier, das die Wunde des Schwertes hat und wieder lebendig geworden ist.
15 Und es wurde ihm Macht gegeben, dem Bild des Tieres Leben einzuhauchen, ja das Bild des Tieres begann sogar zu sprechen und bewirkte, dass alle getötet wurden, die ihre Knie nicht beugten vor dem Bild des Tieres.
16 Und es bringt alle, die Kleinen und die Grossen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, dazu, sich auf die rechte Hand oder auf die Stirn ein Zeichen machen zu lassen,
17 so dass niemand mehr etwas kaufen oder verkaufen kann, es sei denn, er habe das Zeichen: den Namen des Tieres oder die Zahl seines Namens.
18 Hier ist Weisheit gefordert! Wer Verstand hat, berechne die Zahl des Tieres, denn es ist die Zahl eines Menschen, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.
(https://www.bibleserver.com/text/ZB/Offenbarung13)

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michael bürkle
michael bürkle
3 Jahre alt

Es geht in der Geschichte um den 23.9.17 um 3 Ebenen: A. unsere Realität heute: Alltag B. Texte aus der Bibel, im speziellen die Apokalypse, ein ca. 1900 Jahre alter Text, der von Visionen erzählt C. eine Sternenkonstellation (Fixsterne und Planeten) Es gibt selbstverständlich Menschen, die zwischen B(ibel) und A(lltag) direkte Zusammenhänge sehen. Ich halte das allein schon für Unsinn. Die Bibel, das Neue Testament ist eine bunt zusammengewürfelte Sammlung von widersprüchlichen Geschichten über eine Person, über die man historisch praktisch nichts Sicheres weiß. Eine Visionsgeschichte aus B sagt m.E. nichts ǘber unser Leben aus. Ich sehe also zwischen B… Mehr »