Veröffentlicht in Bildung, Politik

„Des soll ma nit sogn“

Der Vorfall

Im ORF, in diversen Medien ist ein Video vom FPÖ-Landtagswahlkampf in Tirol zu finden, z.B. unter http://www.vol.at/stinkende-juden-grosse-aufregung-um-vorarlberger-abwerzger-fpoe/5663882/

Ich habe mir die Mühe gemacht und ein Transkript des Dialogs zwischen einem alten Passanten [P] und FPÖ-Sympathisanten, dem FP-Landtagsspitzenkandidaten Abwerzger [A] und dem FPÖ-Stadtspitzenkandidaten Federspiel [F] hergestellt. Für mich nicht verständliche Passagen habe ich ausge-X-t. Das verläuft etwa so:

P: do muasch lei amol schaugn, wos do fir a gsindl durch die gegend lafft, wennd in der maratheresenstrossn geasch, do werd da jo schwindlig, woasch wos des, s messr hupft dr jo im sack drein au XXX

A: ja

P: miar olte teppn, i bin sechsadachzg jor XXX miar sein militärisch ausgebildet, bei hajott, mir ham olles ghobt, ordnung und zucht isch gwesn, des steaht fescht, und s’oane isch ins nix ogangen, des politische, wos se do mit de judn ghobt hobm, und wos, wo no so isch XXX in da kirchn XXX hats olm ghoaßen, de stinkerten juden, heit derfsch des nit sogn, do bisch sofort nazi

A: [leichtes Nicken]

P: und die kirchn, wo die greschten …

A: soll ma aber a nit sogn

F: [off] des isch aber a falsch

P: des derfsch aber nit sogn

A: soll ma a nit sogn

P: XXX

F [off]: a jeder mensch hot seine würde und a jeder mensch hot seine rechte

(Für Vervollständigungen des Transkripts bin ich dankbar.)

Der ORF hat das zunächst gesendet ohne Abwerzgers Satz „soll ma aber a nit sogn“ und hat später die vollständige Version nachgeliefert. Abwerzger gibt sich nun rehabilitiert: Antisemitismus und Rassismus hätten in der FPÖ Tirol nichts verloren. Er habe dem Passanten widersprochen.

Was tut Abwerzger im Text wirklich?

Er sagt „ja“ zum Sager vom „Messer aufhupfen im Sack“ angesichts des „Gesindels“ in der Maria-Theresien-Straße.

Er nickt auf das geäußerte Bedauern, man gelte sofort als Nazi, wenn man von „stinkerten Juden“ spreche und dass „das mit den Juden“ die Bevölkerung nichts angegangen sei.

Erst danach meint er, dass man das (von den „stinkerten Juden“) auch nicht sagen solle. Er wird dann vom medienerfahrenen Federspiel noch unterstützt, der von Recht und Würde jedes Menschen spricht.

Was ist das wert?

Ein Politiker, dem auf offensichtlich alt-nazistische Ausführungen eines potenziellen Wählers zuerst nur eine Bestätigung, dann ein Nicken, dann eine Relativierung einfällt, zeigt klar, wie nahe er dem Denken des Passanten steht und wie sehr er seine Stimme will. FPÖ-Position ist offenbar: „Das darf man nicht sagen“. Und das vor laufender Kamera. Wie hätte Abwerzger reagiert, wenn keine Kamera gelaufen wäre?

Zusammenfassend: zu neo- und alt-nazistischer Wiederbetätigung von Wählern ist „Des soll ma nit sogn“ eine allzu klare Positionierung: Man solls nicht sagen. Denken darf mans offenbar schon. Die FPÖ lernt, nicht alles zu sagen. Der medienerfahrene Federspiel erkennt die Gefahr der Situation und schiebt für Abwerzger noch schnell eine Kurzform der Menschenrechtserklärung nach. Abwerzger fällt das nicht ein.

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Whisker
Whisker
2 Jahre alt

Naja, ich würde Abwerzgers „ja“ und nicken jetzt nicht unbedingt als Zustimmung interpretieren, weil das genauso ein harmloses „aktives Zuhören“ sein kann. Allerdings entlarvt er sich mit seiner Äußerung, dass man „das“ nicht sagen „soll“, eindeutig selbst. Denn ein ehrlicher Widerspruch sieht ganz anders aus, und „das soll man aber nicht sagen“ klingt nur nach einer hohlen Phrase, hinter der sich tatsächlich ein „ja, hast eh recht und ich denk ja genauso, aber ich kann dir leider jetzt nicht zustimmen, weil das schlechte PR für uns wäre“ verbirgt. Deswegen ist Abwerzger meiner Meinung nach auch weiterhin nichts anderes als ein… Mehr »

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[…] ganz ähnliches Beispiel war das des Tiroler FPÖ-Politikers Abzwerger (oder so), der auf die Rede von „stinkerten […]