Veröffentlicht in allgemein, Bildung

kompetent vs. „cool“

Ein typischer Fall?

Ich war mit meiner Frau letzte Woche zu Besuch in Berlin. In diesem Rahmen buchten wir 2 Radtouren durch Berlin: am Mi vormittags eine Tour „Mauer / 3. Reich“, am Do nachmittags eine Tour nach Kreuzberg.

kompetent

Die Mauer-Tour am Mittwoch wurde von „Carlotta“ geführt. Die Führung war äußerst kompetent in der Darstellung der durch die Tour thematisierten Sachverhalte, hatte ihre Beiträge didaktisch sehr gut strukturiert und auch die Führung der Gruppe an sich war sehr umsichtig und sicher: es geriet niemand in Gefahr verloren zu gehen. Als ich einen Teil der Tour nicht mitgehen konnte – die Gruppe bestieg etwas, das man in Berlin einen „Berg“ nennt und ich bin gehbehindert – hatte die Tourleiterin sofort einen Alternativvorschlag für mich parat. (Ich hatte zuvor im Büro gefragt, ob längere Fußwege geplant waren und aufgrund der negativen Antwort meine Krücke im Büro zurückgelassen).

In Schulnoten ausgedrückt: ein glattes „Sehr gut“, das uns dazu animierte, für den Folgetag eine weitere Tour, eine nach Kreuzberg, zu buchen.

„cool“

Die Kreuzberg-Tour am Donnerstag wurde von „Valentin“ geführt. Er trat zu Beginn bereits sehr cool mit Kaffeetasse auf, fuhr auch mit der Tasse in der Hand los und deponierte die Tasse nach einigen Kurven in seinem Fahrradkorb. Irgendwann im Laufe der Tour kippte die Kaffeetasse aus dem Fahrradkorb und zersprang in x Scherben. Das war vermutlich nicht als demonstrierte Coolness geplant.

Valentins Erklärungen waren generell extrem vereinfachend bis falsch. Bei Gelegenheit erklärte er die Geschichte der Menschheit über das Zusammentreffen der europäischen Neandertaler mit den afrikanischen Homo sapiens. Bis ca. 1900 sei Berlin ein von einer Mischung der beiden bewohntes Sumpfgebiet gewesen; ab 1900 habe man dann sehr viele Häuser gebaut.

Immer wieder traten in Valentins Erklärungen „wütende“ Menschen auf: das konnten gleichermaßen faschistische Horden, sozialistische Arbeiter oder Hausbesetzer sein. Eine Differenzierung fand nicht statt. Offenbar versuchte Valentin, sich es durch „Neutralität“ mit niemandem zu verscherzen.

Die Führung der Gruppe verursachte Probleme. Einmal war die Gruppe bereits zerrissen, weil die letzten vor einer Ampel warten mussten und Valentin die Gruppe trotzdem weiter trieb. Erst durch eine Intervention – ich brüllte „Valentin, stehen bleiben!“ – bekam der Guide die Situation überhaupt erst mit. Der zweite Teil der Gruppe war da bereits außer Sichtweite.

In Schulnoten formuliert: ein schwaches „Genügend“: das wäre in Österreich gerade noch positiv. (Wir haben nur 5 Schulnoten. Und ja: ich bin Lehrer.)

Hätte die Tour mit Valentin bereits am Mittwoch stattgefunden, hätten wir vermutlich für Donnerstag keine Mauer-Tour mehr gebucht. Das wäre schade gewesen.

symptomatisch?

Kompetente Frau vs. „cooler“ Mann – eine Alternative, die sich in unserer Gesellschaft oft (zunehmend?) stellt. Ich habs schon relativ häufig erlebt: nur zugespitzt in zwei parallelen Situationen an zwei aufeinander folgenden Tagen noch selten.

„cool“ sein ist für viele junge Menschen sehr wichtig. Junge Männer beschränken sich ab und zu darauf. Dabei finde ich, dass Coolness nicht ein Wert an sich ist. (Mir ist Coolness wurscht.)

Junge Frauen müssen sich in unserer Gesellschaft oft unter erschwerten Bedingungen behaupten. Da reicht Coolness allein nicht: da sind ihnen die Männer über. Da muss dann Sachkompetenz zusätzlich her.

Ich finde Kompetenz cool, Coolness aber noch nicht kompetent.

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2 Comments
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Whisker
Whisker
1 Monat alt

> Bei Gelegenheit erklärte er die Geschichte der Menschheit über das
> Zusammentreffen der europäischen Neandertaler mit den afrikanischen Homo
> sapiens. Bis ca. 1900 sei Berlin ein von einer Mischung der beiden bewohntes
> Sumpfgebiet gewesen

What the f…?!?

Also wenn der Typ diesen offensichtlichen Blödsinn tatsächlich ernst gemeint hat, dann geht sogar deine Beurteilung mit einem schwachen „Genügend“ noch als außerdentlich milde durch…

Last edited 1 Monat alt by Whisker