Veröffentlicht in fiction

Mannis Zelt

Es muss etwa 1970 gewesen sein. Das Schuljahr des 13-jährigen Manni lief gut. Seine Eltern freuten sich. Da sie beide Lehrer waren, legten sie auf gute Noten wert. Im Halbjahr hatte Manni in allen Schularbeiten „lauter Einser“ geschrieben.

„Wenn du das ganze Jahr lauter Einser schreibst, kriegst du ein Zelt“, sagte Mannis Vater. Ein Zelt! Das war 1970 viel wert.

Das ging fast gut. In der letzten, der allerletzten Schularbeit – es war Mathe – lief es nicht ganz rund. Ein paar Tage später brachte der Lehrer die Schularbeitenhefte zurück. Manni hatte ein „2+“, ein „guter Zweier“, aber halt kein Einser.

Manni weinte. Um das Zelt. Er wusste: es würde nicht kommen. Die Mitschüler lachten Manni aus. Der weinte – wegen eines Zweiers! So ein „Streber“.

Das Zelt kam nicht.

Doch. Das Zelt kam.

Circa 30 Jahre später brachten Manfreds Eltern ihren Enkeln ein Zelt mit. Es waren sehr nette Enkel; die Großeltern hatten sich sehr über sie gefreut. Die beiden Enkerln waren nicht so wahnsinnig gut in der Schule, aber das betrachteten Manfreds Eltern als seine, Manfreds, Verantwortung. „Da musst du dich drum kümmern“, hatte Manfreds Vater auf die 4er im Zeugnis seines Enkels gemeint.

Und Mannis Zelt war da.

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Andreas
Andreas
3 Jahre alt

Im Endeffekt dann doch ein Zelt…