Veröffentlicht in allgemein, Bildung, Politik

Perspektiven mit Corona

1. Die Situation

Ein Jahr Corona. Wir sind in der Dritten Welle. Man sieht sie an Infektionszahlen; man sieht sie an der Auslastung von Intensivbetten; man sieht sie auch bei den Corona-Toten.

Die täglichen Infektionszahlen in Österreich …

Die Dritte Welle schwappt noch nicht so hoch wie die Zweite – aber sie ist wesentlich breiter angelegt und betrifft in Summe damit deutlich mehr Menschen.
Nicht auszudenken, wie sie ohne Impfungen aussähe.

Die Corona-Leugner werden weniger – kaum ein vernünftiger Mensch traut sich, die Existenz und die Wirkung des Virus bzw. der Pandemie zu leugnen. Aber die Corona-Müden werden mehr. Etwas mehr als einer / eine von 1.000 ÖsterreicherInnen ist im letzten Jahr an Corona gestorben; jede / jeder 16. ist infiziert worden. (Von den Festgestellt-Infizierten sterben „bloß“ nicht ganz 2%.) Sehr viele Menschen haben erlebt, dass das Virus sehr lästig und gefährlich sein kann, aber nur relativ selten tödlich ist. Aber das Bedürfnis nach und die schiere Notwendigkeit von „Normalität“ wird immer größer: Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit bedrohen Existenzen; Vereinzelung und Vereinsamung bedrohen soziale Strukturen; die Abwesenheit von Unterricht bedroht Bildungsfortschritte.

2. Eine Zukunft mit Corona

Wir werden uns an Corona gewöhnen müssen: es gibt eine zusätzliche Viruserkrankung neben der Grippe, die durchaus dramatische Folgen haben kann – bis zum Tod. Man wird diese Erkrankung durch Impfung und durch natürlich entstehende Immunität in absehbarer Zeit halbwegs kontrollieren können – aber man wird Impfstoffe immer wieder updaten müssen und neu und immer wieder impfen müssen, um gegen vifere Varianten des Virus Immunisierungen zu erzeugen (- wie bei der Grippe auch). Wir werden uns an Tests gewöhnen müssen, die den Zugang zu gesellschaftlichen Tätigkeiten – von der Berufsausübung bis zu kulturellen und anderen Erlebnissen – erlauben. Wir werden dafür sorgen müssen, dass diese Tests aktuell sind und ein schnelles Ablaufdatum haben können – je nach Situation der Pandemie.

Mit regelmäßigen Tests und einer gewissen Grundimmunisierung der Gesellschaft wird eine „vorsichtige Normalität“ eintreten können, die mit der Normalität des Jahres 2019 wenig zu tun haben wird. Wir werden Betriebe und Schulen wieder öffnen können – aber aktuelle Tests werden den Besuch regeln. „Corona-positiv“ wird ein Krankenstandsgrund bleiben.

3. Was jetzt zu tun ist

Wir müssen – vermutlich bis auf Weiteres ein letztes Mal – die Überlastung des Gesundheitssystems abwenden. Wir sind mit (heute) 564 besetzten Intensivbetten in Österreich nahe an einem Höchstwert, ab dem die Grundversorgung mit medizinischer Hilfe gefährdet ist. Neu ist, dass das nicht vor allem ältere Menschen trifft, sonden mittlerweile auch viele junge. Es geht nicht mehr „nur“ um das Sterben der Alten.

Die Auslastung der Intensivbetten

Quelle: AGES bzw. ORF online

Wir sind da knapp unter der Spitze von Ende Nov.  / Anf. Dez. –
aber das sind nur die Zahlen bis 3.4.
Heute, am 5.4., sind wir mit 564 IntensivpatientInnen
schon wieder weiter oben. Bisher höchster Wert: 709 am 25.11.

Wir müssen die jungen Corona-Müden noch einmal zur Disziplin überzeugen, überreden und auch zwingen – wie die Straßenverkehrsordnung uns auch zum Rechtsverkehr zwingt. Es muss allen klar sein, dass die alltäglichen kleinen Verletzungen der Corona-Regeln in der Summe ein guter Teil des Problems sind. Aus der Sicht vieler junger Menschen ist aber Corona nur ein geringer Teil des Problems: das größere Problem sind Jobverlust, Bildungsverlust – und auch Fun-Verlust. Wer „im Hier und Jetzt“ lebt, will hier und jetzt Freude, Spaß, Kontakt, auch: „Party“. Die Corona-Regeln schränken das massiv ein. Wir müssen jungen Menschen eine Perspektive über das Hier und Jetzt hinaus bieten – und das ist schwierig. Nicht umsonst demonstrieren andere junge Menschen, die sich nicht nur auf das Hier und Jetzt beziehen wollen, als „Fridays for Future“, weil die Zukunft unsicher geworden ist. Warum ist sie unsicher? Weil nicht nur Corona Jobs und Bildung gefährdet, sondern der Klimawandel als Ausfluss unserer weltweit etablierten Art des Wirtschaftens.

„Jugendliche leiden unter Angststörungen und Zukunftssorgen“, lese ich in ORF online. Ja: Zukunftssorgen sind leider völlig berechtigt; Angst ist durchaus angebracht, aber hilflose Angst als Angststörung ist eben hilflos. Wir müssen aus hilfloser Angst eine konstruktive Politik für eine gesunde, gerechte Gesellschaft machen. Das erfordert massive Steuererhöhungen in den Industrie- und Dienstleistungsstaaten; das erfordert eine aktive Klimapolitik, die diesen Namen auch verdient. Das erfordert Impfprogramme in Südamerika, in Afrika, in Asien – überall dort, wo heute noch nicht einmal ausreichend Corona-Daten erhoben werden. Denn wenn Corona dort überlebt und permanent fittere Mutationen erzeugt, wirkt das auf uns zurück und zerstört unsere lokal-regionalen Anti-Corona-Maßnahmen.

Wir werden auf Dauer ein leistungsfähiges Gesundheitssystem brauchen, das immer wieder in der Lage sein muss, aufflammende Cluster mit neuen Mutationen in den Griff zu bekommen.

4. Was noch zu tun ist

Nichts weniger als ein radikaler Umbau der globalen Ökonomie. Hier und jetzt, aber auch dort und morgen.

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