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Abgesang: Walhalla ruft …

Am 5.7.2018 ist der Präsident der Festspiele Erl, der Industrielle Haselsteiner, in seiner Eröffnungsrede auf die Notwendigkeit eines Vereinten Europas ohne Grenzen eingegangen und gegen den aufkeimenden Nationalismus aufgetreten. Dann hat er seiner Rede eine Wendung gegeben: fast 10 Minuten lang ist er auf die von Markus Wilhelm auf dietiwag.org geäußerten Vorwürfe gegen die Festspiele eingegangen: diese betreffen vor allem sexuelle Belästigung und Ausbeutung.

*

20 Tage später, am 25.7., ein Mittwoch, haben 5 namentlich genannte Musikerinnen die Vorwürfe sexueller Belästigung öffentlich erhoben. Da hieß es u.a.:

Wir sind direkt Betroffene, Zeuginnen oder Mitwissende davon, dass es zu unserer Zeit anhaltenden Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe von Seiten des künstlerischen Leiters gegeben hat. Auch einige von uns waren solchen ausgesetzt: unerwünschtem Küssen auf den Mund oder auf die Brust, Begrapschen unter dem Pullover, Griff zwischen die Beine etc., von obszöner verbaler Anmache ganz zu schweigen. Immer wieder wurden die Grenzen der persönlichen Würde und des Respekts uns gegenüber missachtet und überschritten. Regelmäßig waren wir der ungehemmten Aggression des künstlerischen Leiters ausgesetzt. Massive seelische Gewalt in Form von Mobbing, öffentlicher Bloßstellung, Demütigung und Schikane stand an der Tagesordnung. Wer den Spielregeln nicht folgte, wurde mit Repressalien und Ausgrenzung bestraft: Versprochene Rollenaufträge und Verträge wurden zurückgezogen, die zuvor gelobte Leistung war plötzlich nichts mehr wert oder wurde coram publico ins Lächerliche gezogen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wir sind empört, dass trotz der allseits bekannten Faktenlage die notwendigen Konsequenzen noch immer auf sich warten lassen, sowohl von Seiten der Präsidentschaft der Festspiele als auch von Seiten der zuständigen Politik.

Damit bekam der dahinschwelende Skandal von Erl eine neue Qualität: die zahlreichen, an sich gut belegten, aber anonym erhobenen Vorwürfe waren nicht mehr anonym.

Haselsteiner antwortete den Musikerinnen tags darauf, am Donnerstag. U.a. schrieb er:

Ihr offener Brief von gestern hat mich einerseits schockiert und andererseits überrascht. Selbstverständlich werde ich veranlassen, dass den von Ihnen erhobenen Vorwürfen mit Ernsthaftigkeit und Akribie nachgegangen wird und Sie über die Ergebnisse der Recherchen umgehend informiert werden.

Allerdings werde ich diesbezüglich erst ab Montag tätig werden, um das Ende der Festspiele abzuwarten. Es war Ihnen sicher nicht bewusst, dass Ihr Outing am Tag vor Wagners Ring erfolgt; ein Zyklus, der dem Dirigenten Gustav Kuhn alles abverlangt, insbesondere, weil er an vier aufeinander folgenden Tagen gespielt wird. Als Künstlerinnen werden Sie sicher für die kleine Verzögerung Verständnis aufbringen.

(Ich zweifle sehr, dass die Betroffenen hier Verständnis für eine weitere Verzögerung und für Kuhn haben.)

Jedenfalls will Haselsteiner erst morgen (Montag) tätig werden. Kuhn darf, soll, muss noch fertigdirigieren.

Aber wenn das, was Haselsteiner am 5.7. verlautbart hat, halbwegs stimmen soll, ist die Herrschaft Kuhns damit beendet. Götterdämmerung, um mit Wagner zu sprechen.

Was hat Haselsteiner am 5.7. gesagt? Unter anderem folgendes:

Haselsteiner im Wortlaut

Kommentar

Sehr geehrte Damen und Herren, ich würde jetzt gerne über Europa weiterreden wie all die Jahre vorher, aber ich kann Ihnen und mir bedauerlicherweise heute ein anderes Thema nicht ersparen: die hasserfüllte social-media-Kampagne gegen diese Festspiele und seinen künstlerischen Leiter Gustav Kuhn. Da wusste H. noch nicht, was 20 Tage später öffentlich werden sollte. „seine“ (mask.!) verrät, wessen Intendant das ist.
Verstehen Sie mich bitte richtig, ich möchte keine Debatte abwürgen, keine Verfehlung beschönigen und kein Unrecht vertuschen. Im Gegenteil. Für Gewalt, insbesondere für Gewalt an Frauen, ist in diesem Haus kein Platz und war auch nie Platz. Verfehlungen und Unrecht, Gewalt (an Frauen) werden nicht mehr a priori ausgeschlossen!
Jeder Verstoß wird umgehend geahndet. „umgehend“ gilt heute freilich nicht mehr
In diesem Haus ist aber auch kein Platz für Ehrabschneidung und Verleumdung. Das könnte gefährlich werden: für die Festspiele!
Im Übrigen, darf ich Sie versichern, ist er ganz der Alte. H. über Kuhn; das Publikum quittiert damals noch mit Gelächter und Beifall.
Er macht hoffentlich sehr zum Ärger des Bloggers noch immer kein Hehl daraus, welche Vorlieben er hat: Und Wein, Weib und Gesang ist etwas, das Sie gut nachvollziehen können. Die Hoffnung H.’s teile ich nicht. „Wein, Weib und Gesang“ als Erklärung? „Nachvollziehbar“?
Er lebt vielleicht nicht ganz nach meinem Geschmack, und vielleicht auch nicht nach Ihrem. Aber wer – nicht einmal die Moralisten, die sich abwenden mögen – wer hat das Recht, den ersten Stein zu werfen? Hier distanziert sich H. von Kuhns „Lebensstil“. Vorbeugend? Ahnt er schon, was noch Unmoralisches kommen könnte?

Oberflächlich hält Präsident Haselsteiner dem Intendanten Kuhn hier noch die Stange. Aber erste Absetzbewegungen und Distanzierungen sind unverkennbar. Haselsteiner scheint schon zu ahnen, weiß aber noch nicht, wie schlimm es noch werden könnte.

Es kam schlimmer. Ich meine: Vorwürfe wie die geäußerten als „Vorliebe für Wein, Weib und Gesang“ zu marginalisieren, zu verlächerlichen, könnte neben einem neuen Intendanten auch einen neuen Festspielpräsidenten erfordern.

*

Übrigens: das Recht, den ersten Stein zu werfen, hätte, wer ohne Sünde ist. H. nimmt hier Bezug auf „Jesus und die Ehebrecherin“ (Joh 8, 1-11) und dieses Recht nicht für sich in Anspruch.

*

Noch etwas: selbstverständlich gilt für den Intendanten bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung.


Der Rechtshilfefonds für Markus Wilhelm kann Zufluss gebrauchen: hier gehts dorthin: http://www.unterstuetze-mw.org/category/2018/

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michael bürkle
michael bürkle
2 Jahre alt

nicht vergessen sollte man vielleicht, dass der offene brief der 5 künstlerinnen bereits der 2. offene brief in sachen „zustände erl“ ist. schon am 24.5. haben 5 namentlich genannte musiker in einem offenen brief (http://dietiwag.org/blog/index.php?datum=2018-05-24) die zustände in erl benannt und beklagt: es ging dabei allerdings nicht um sexuelle belästigung – die musiker sind alles herren – sondern „bloß“ um ein unzumutbares arbeitsklima (z.b. anreden wie „arschlöcher“, „schwänze“, „volltrottel“).
m.b.