Die „Rettung“ des historischen Jesus
Man sieht das immer wieder: zu „allen heiligen Zeiten“, also v.a. zu Weihnachten und zu Ostern, berichten viele Medien über den „historischen Jesus“. Diesmal bin ich über einen Artikel „Auf den Spuren des historischen Jesus“ auf ORF online gestolpert. Er bezieht sich auf die Arbeiten von zwei Theologinnen, einer protestantischen und einer katholischen.
Schon der Vorspann signalisiert Unsicherheit:
Wie Jesus gelebt und wie seine Lebensumstände ausgesehen haben könnten: Vieles, was die Evangelien der Bibel berichten, lasse sich durch archäologische Funde, Sozialwissenschaften und außerchristliche Literatur historisch plausibel erklären, sagen zwei Theologinnen, die sich mit dem historischen Jesus befasst haben.
Konjunktive wie könnten, lasse zeigen, dass da „nix fix“ ist; die beiden Damen sprechen von Vermutungen. Dass etwas historisch plausibel ist, beweist gar nichts.
Ich habe mich mit der Figur Jesus auch schon auseinander gesetzt – „Der (un-)bekannte Jesus“ vom 13.9.2020. Damals war das noch eine Reaktion auf Bemühungen des Wiener Kardinals Schönborn. Und ich muss da gar nichts revidieren.
Was wir über Jesus wissen
Nichts. Die Evangelien sind lange nach „seinem Wirken“ entstanden; einige Jahrzehnte gab es nur mündliche Überlieferungen, die alle – „christliche“, jüdische, römische – nicht neutral waren. Es gibt jenseits der Evangelien, die narrative Texte mit Differenzen sind, nur sehr wenige und vage historische Quellen: eine ist der jüdische Historiker Flavius Josephus, die andere ist der römische Historiker und Politiker Tacitus. Beide Quellen sind sehr ungenau und unsicher.
Auch die beiden Damen, die der ORF-Beitrag bemüht, sagen nichts Genaues, außer z.B. „Nicht in Bethlehem, nicht im «Jahr null» geboren“; sie sind sich unsicher, was seine berufliche Ausbildung und seine schriftliche Sprachkompetenz betrifft. Ja: über eine Figur, über die man keine sicheren Quellen hat, kann man halt nichts Genaues sagen.
Die Definition von „Jesus“
Zunächst müsste man sich einigen, was man unter „Jesus“ versteht. Einen, der durch seinen Tod am Kreuz die Menschheit erlöst hat? Einen „Sohn Gottes“? Einen, der nach seinem Tod „auferstanden“ ist? Einen, der die Händler aus dem Tempel vertrieben hat? Einen, der über den See Genesareth „gewandelt“ ist? Einen, der von einem Berg gepredigt hat? Einen, der für eine Hochzeit Wasser in Wein verwandelt hat? Einen, der Kranke durch Zureden oder Handauflegen geheilt hat? Einen, der Brot vermehrt hat? Einen, der in Bethlehem in einem Stall geboren ist? Oder einen, der das alles zusammen erfüllt?
Das sind alles mehr oder weniger nette und lehrhafte Geschichten, aber sie haben keine historisch nachprüfbare Wahrheit, keine Datumsangaben, keine konsistenten Aufzeichnungen – und letztlich auch kaum bis keine Glaubwürdigkeit. Ja, es hat damals viele Wanderprediger gegeben und die mögen mit Charisma und dem Placebo-Effekt auch manchmal scheinbare „Wunder gewirkt“ haben – aber „historisch wahr“ ist da nichts. (Ganz besonders unwahr – finde ich – ist, dass ein Mensch durch seinen Foltertod die vergangene und die zukünftige Menschheit „erlöst“ hat. Das ist einfach nur absurd.)
„Jesus“ ist eine klassische Heldenfigur, ein mythischer „Held“, wie Odysseus, wie König Arthus, wie Moses, Buddha oder Mohammed. Einem marginalen historischen Kern sind nette Geschichten, die seit Jahrhunderten mündlich überliefert waren, „angelagert“ worden, weil es eindrucksvoller und nachhaltiger ist, das über eine einzige Figur zu sammeln und zu erzählen als über viele. Es braucht dann ab und zu noch eine Gemeinschaft rund um die Zentralfigur: bei Jesus sind es die Jünger, bei König Arthus die Tafelrunde, bei Odysseus die Gefährten.
Wozu das alles?
Ich verstehe nicht wirklich, was für Christ:innen „der historische Jesus“ bedeutet. Wozu braucht es ihn? Um den „Wert“ der Religion zu belegen? Der sollte aus der Praxis erwachsen. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Bergpredigt, Mt 7,16-20)
Das Christentum hat m.E. ein großes Verdienst: es verlässt mit dieser „Bergpredigt“ (Mt 5,38f.) mindestens theoretisch die Racheideologie des „Aug um Aug, Zahn um Zahn“, die noch im Judentum gilt und im Islam wieder. Einen wundertätigen „historischen Jesus“ braucht es dazu nicht. Dass diese Religion in der Praxis nicht wirklich „gewaltfrei“ geworden ist, haben Kreuzzüge, Sklaverei, Hexenverbrennungen und gewaltsame Missionierungen (und sexuelle Misshandlungen) zur Genüge bewiesen.
Ich möchte niemandem ihren bzw. seinen Jesus „rauben“. Wer ihn braucht, soll ihn haben und an ihn glauben. Aber historisch wissen wir von ihm nichts.
