Die Erpressung
Gestern habe ich an meine Schul-Mailadresse ein Schreiben bekommen, das von mir 0,04 Bitcoin (also derzeit ungefähr 3.000 €) innerhalb von 50 Stunden als Überweisung an ein Bitcoin-„wallet“ verlangt hat. Andernfalls würden kompromittierende Videos von mir an alle meine Kontakte versendet. Ein chinesischer Softwareentwickler habe alle meine Computer und das Handy gehackt und mich seit Monaten auf Video aufgenommen usw. usf.
Das Mail war recht geschwätzig und angeberisch; es enthielt Dinge, die inhaltlich offensichtlich falsch waren oder banal oder technisch extrem fragwürdig. Ich habe es schnell für einen Fake gehalten und hatte keinerlei Lust Geld zu überweisen, weder Euros an einen IBAN noch Bitcoins an ein „wallet“. (Ich wüsste nicht einmal, wie das geht und will das auch gar nicht lernen.)
Gegenmaßnahmen
1. Mimikama
Auch wenn es ein Fake war: Deep Fake Videos sind (1.) Fake, also falsch und (2.) trotzdem unangenehm. Ich habe also gestern noch Mimikama konsultiert – eine Seite, die aktiv und aktuell Internet-Betrug dokumentiert und darüber solide berät; sie sieht sich als „erste Adresse gegen Desinformation“. Heute habe ich von Mimikama bereits eine Antwort erhalten: der Betrugversuch ist bekannt und seit 28.11. (!) bereits gut dokumentiert. Man kann das Erpresserschreiben dort nachlesen; es ist i.W. ident mit dem, das ich bekommen habe.
(Mimikama berät übrigens kostenlos, sammelt aber Spenden.)
2. Polizei
Schon vor der Antwort von Mimikama habe ich heute Vormittag beim zuständigen Polizeiposten Pradl eine Anzeige eingebracht. Aus meiner Sicht ist das aus generalpräventiven Erwägungen sinnvoll. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Täter gefasst wird, ist im Einzelfall zwar gering, aber jede:r einzelne sollte jedenfalls den Mut haben, den Sachverhalt festzuhalten. Ein Schamgefühl wäre völlig falsch. Wenn sich viele melden, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass Ermittlungen zu einem Ergebnis führen.
Ich bin an einen kompetenten jungen Bezirksinspektor geraten, der die Anzeige genau aufgenommen hat und mit mir einen unterschriftsreifen Text erstellt hat. Auch Mimikama empfiehlt eine Anzeige – das habe ich aber erst danach gesehen.
Und morgen?
Morgen laufen die 50 Stunden Zeit ab, die mir der Erpresser für die Überweisung der Bitcoins gelassen hätte. Ich sehe dem sehr gelassen entgegen. Es wird voraussichtlich überhaupt nichts passieren. Allenfalls erwarte ich eine textlich verschärfte „Mahnung“.
Sukkus
Pornografische Fake-Videos sind übrigens nichts Neues. Es muss ungefähr 2008 gewesen sein, als sich eine ca. 14-jährige Schülerin und ihre Eltern an mich als Klassenvorstand wandten, weil in der Klasse Pornovideos kursierten, auf denen ihr Foto hineinmontiert war. (Man konnte so etwas im Internet „bestellen“.) Das war damals technisch plump und in mehrfacher Hinsicht geradezu lächerlich, aber für die Betroffene nervenaufreibend und sehr schmerzhaft.
Heute sind KI-generierte Deep-Fake-Videos von echten Filmaufnahmen kaum zu unterscheiden – nur mit „forensischen Mitteln“, meinte der Beamte. Insofern kann das jeden Menschen betreffen: Mail-Adressen von Lehrer:innen gibt es leicht. Man muss sich darauf einstellen – zumindest in einer Übergangszeit, in der das für viele Menschen noch ungewohnt ist. Mit der Zeit wird aber vermutlich das Interesse abflachen. Jedenfalls ist „Scham“ in diesem Zusammenhang auf jeden Fall eine falsche.

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