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Michael Bürkle

Selenskiy sieht Gefahr für Dritten Weltkrieg

Ukraine / Russland

Nach Meldungen in ORF online sieht der ukrainische Regierungschef Wolodymyr Selenskiy derzeit eine akute Gefahr für einen Dritten Weltkrieg. Er fürchtet ein „Näherrücken“ Russlands, wenn die Ukraine nicht durchhält – und ersucht um weitere Waffenlieferungen. Es sei nicht klar, „ob Russland sich nach einem Sieg über die Ukraine zuerst gegen Deutschland, Polen oder die baltischen Staaten richte […]“

Ich teile diese Ansicht im Prinzip. Ja, wir – als Menschheit – sind von einem Dritten Weltkrieg nicht weit entfernt. Deswegen steht auch die doomsday clock des Bulletin of the Atomic Scientists auf 90 Sekunden vor Mitternacht. Es ist nicht „5 vor 12“; es ist „1 1/2 vor 12“.

Dabei scheint mir im Gegensatz zu Selenskiy relativ klar, was Russland nach einem Sieg in der Ukraine als nächstes täte. Der russische Diktator bzw. Präsident will offensichtlich das ehemalige Sowjet-Reich in seiner Grundsubstanz wiedererstehen lassen: also zunächst Georgien „inhalieren“, evtl. Armenien, dann die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen (mit erheblichen russischen Minderheiten v.a. in Lettland – fast 27%, Estland ca. 25%, Litauen ca. 5%, aber mit der russischen Exklave Kaliningrad).

Der Krieg in der Ukraine wogt hin und her; keine der beiden Seiten verfügt über entscheidende Vorteile. Der Blutzoll ist enorm. Aber das Zerstörungspotenzial dieses Kriegs ist ebenfalls enorm: mitten im Krieg liegt z.B. das leistungsstärkste Atomkraftwerk Europas, das Kernkraftwerk Saporischschja. Es wird immer wieder beschossen; eine gravierende Katastrophe wie in Tschernobyl ist m.E. nur eine Frage der Zeit.

Nahost

Seit Anfang November 2023 tobt rund um Israel (Gaza, Golan, Westjordanland) ein neuer Nahostkrieg. Hauptwidersacher Israels ist (als Staat) eigentlich der Iran, der die Hamas, die Hisbollah, den Islamischen Dschihad sowie die Huthi-Milizen im Jemen unterstützt. Der Staat Israel wird von einer konservativ-rechtsextrem-ultrareligiösen Regierung beherrscht, die zu einer weitblickenden Politik unfähig weil unwillig ist und zielsicher an einer Einbetonierung eines jüdisch-islamistischen Konflikts für Generationen arbeitet. Dabei hat sie auch die Gewaltenteilung innerhalb Israels gegen massive Widerstände der israelischen Bevölkerung ausgehöhlt. Diese Regierung unterstützt auch Siedlungsbewegungen im Westjordanland, die sich gegen das Völkerrecht arabische Siedlungsgebiete aneignen. Zwischen fundamentalen Islamisten und fundamentalen Juden ist praktisch kein Dialog möglich: es geht auf beiden Seiten um vermeintliche uralte, „gottgegebene“ Rechte und um das alttestamentliche Prinzip „Aug um Aug, Zahn um Zahn“.

Der Iran arbeitet vermutlich an der Herstellung von Atombomben; Israel hat sicher schon welche. Pakistan vermutlich auch. Der Nahe Osten stellt sich als Pulverfass dar, das jederzeit explodieren kann. Dabei gäbe es auf allen Seiten Vernünftige, aber sie bleiben jeweils in der Minderheit und verschaffen sich kaum Gehör.

Klima

Die scheinbar friedlichen Gegenden der Welt – der globale Norden; hier: bei uns – sind in ihren Grundlagen vom menschengemachten Klimawandel bedroht. Diesen Klimawandel hat der globale Norden selbst maßgeblich erzeugt; es leiden unter ihm aber hauptsächlich die Länder des globalen Südens. Wir stehen hier vor massiven globalen Ungerechtigkeiten, die der globale Süden nicht auf Dauer hinnehmen wird. Wir stehen dementsprechend vor enormen Wanderbewegungen, die die „Krise“ von 2015 in den Schatten stellen werden.

Einige Staaten des globalen Nordens haben das Einsparen von CO2-Emissionen bereits aufgegeben und setzen auf eine Wiedereinführung der Kernspaltung. Ja: die hat kaum CO2-Emissionen, aber in einer Zeit globaler Krisen sind Kernkraftwerke – wie z.B. das in Saporischschje – an sich gefährlich, auch wenn sie solide laufen und „bloß“ Strom und Atommüll – den aber für Jahrtausende – erzeugen.

Auch innerhalb des globalen Nordens tun sich Gräben auf – zwischen Menschen, die einen demokratischen Ansatz von Politik verfolgen und Menschen, die vor allem auf Spaltung, auf Besitzstandswahrung aus sind und für die Rassismus kein Tabu, sondern eine Methode der Grenzziehung ist.

Weitere Bedrohungen?

Die drei oben genannten sind jene Bedrohungen, die mir selbst am nächsten sind. Aber es gibt natürlich noch weitere. Da ist der ChinaTaiwan-Konflikt, der jederzeit in einen Krieg münden kann, der über Bündnisse zu einem Weltkrieg eskalieren kann. Es ist ein Konflikt, der dem Russland-Ukraine-Konflikt ähnelt. Dann gibt es innerhalb der USA, dem vermutlich immer noch politisch-wirtschaftlich mächtigsten Staat der Erde, einen Präsidentschaftswahlkampf, in dem ein erratischer Verrückter auf einen schon sehr alten, gebrechlichen Präsidenten treffen wird. Dann gibt es zahlreiche Umweltkrisen und soziale Krisen v.a. in Afrika und Lateinamerika – Dürren, Hungersnöte, Überschwemmungen, Drogenkriege, die man guten Gewissens als Ausprägungen der Klimakrise erkennen kann. Und so weiter …

Wir stehen nahe am Abgrund: womöglich sind wir bald einen Schritt weiter.

Selenskiy?

Selenskiy hat recht, wenn er den Dritten Weltkrieg fürchtet, aber er sieht das vor allem aus der ukrainischen Perspektive. Das ist aber nur ein Teil des Gesamtproblems: sicher ein wesentlicher, aber eben nur ein Teil. Die Menschheit „arbeitet“ parallel auf mehreren Ebenen an ihrer Abschaffung bzw. Ausrottung. Wie „arbeitet“ die Menschheit da? Vor allem durch Nichtstun, Geschehenlassen, Unentschlossenheit und Ignoranz.


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