michael bürkle

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Michael Bürkle

Der Tisch und die Speisekarte

Die Grundlage des Kapitalismus

Der kanadische Premierminister Mark Carney hielt beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine vielbeachtete und hochgelobte Rede. Der Wortlaut findet sich auf der Seite des Forums, eine deutsche Übersetzung hier bei mir.

In dieser Rede umreißt Carney die Veränderung der Regeln in der globalen Politik, die durch die Präsidentschaft Trump 2.0 eingetreten sind. Er gibt eine glasklare Analyse der Welt heute.

Aber er gibt in einem „Nebensatz“ auch eine Analyse des Fundaments des Kapitalismus, indem er sagt:

Argue, the middle powers must act together, because if we’re not at the table, we’re on the menu.

Oder auf Deutsch:

Ich argumentiere, die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.

Wer ist Mark Carney?

Mark Carney ist der Sohn eines Lehrerehepaars. Er war Investmentbanker bei Goldman Sachs, stellvertretender Präsident der kanadischen Zentralbank, Governor der Bank of England, war noch in anderen internationalen Finanzinstitutionen in leitender Stellung tätig und zuletzt Vorstandsvorsitzender von Bloomberg. Er ist Vorsitzender der Liberalen Partei Kanadas und seit 14.3.2025 kanadischer Premierminister.

Man kann sagen: er kennt sich mit dem Kapitalismus aus.

Was sagt uns Mark Carney über den Kapitalismus?

Im Kapitalismus gibt es zwei wesentliche Rollen. Entweder du sitzt beim Essen am Tisch oder du stehst auf der Speisekarte. An einer anderen Stelle sagt er: „Die Starken können tun, was sie können, und die Schwachen müssen leiden müssen, was sie müssen.“ Er zitiert dabei den griechischen Strategen und Historiker Thukydides (ca. 400 v.u.Z.): „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen“.

Fressen oder gefressen werden. Das ist die Essenz. Bzw.: Mitreden oder gehorchen.

Carney spricht von Kanada als Mittelmacht und von den USA (und vermutlich China, Russland) als Gr0ßmacht. Die großen europäischen Staaten Deutschland, Frankreich, das UK, Italien, Spanien etc. sind in dieser Begriffsbildung vermutlich auch bloß „Mittelmächte“. Die EU hätte die Möglichkeit, zur Großmacht aufzusteigen – und auf Dauer „am Tisch zu sitzen“ statt „auf der Speisekarte zu stehen“. Sie hätte die Möglichkeit, ihre Zukunft selbst zu bestimmen, statt sich von den USA oder von Russland bestimmen zu lassen.

Gibt es noch weitere Rollen?

Wenn Kanada eine „Mittelmacht“ ist, dann gibt es noch die große Zahl an mehr oder minder machtlosen „Kleinstaaten“, zu denen auch Österreich gehört. Wenn schon die Mittelmächte sich zusammenschließen müssen („act together“) um eine Rolle zu spielen, gilt das für die Kleinen erst recht. Ja, wir haben den Schritt in die EU geschafft; mit ihr „sitzen wir am Tisch“, ab und zu. Auch die vielen kleineren und größeren Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas werden das noch erkennen und sich zusammenschließen – oder untergehen und auf den Speisekarten landen.

Das EU-Mercosur-Abkommen ist so gesehen auch ein richtiger Schritt; die geplanten Handelsabkommen zwischen der EU und Indien gehen ebenfalls in diese Richtung.

Globalisierung bedeutet auch globale Machtspiele unter dubiosesten Regisseuren und die Notwendigkeit globaler Zusammenschlüsse. Die sind sowieso nötig, denn der Klimawandel ist global und nur global zu meistern.


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Der Tisch und die Speisekarte“

  1. […] Carney hat in seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Problem auf den Punkt gebracht: Wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte. Das gehört zum Fundament des Kapitalismus. Die Ukraine sitzt nicht am Tisch; sie steht auf der […]

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