michael bürkle

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Michael Bürkle

Wissenschaftliche Missverständnisse

Wie heiß wird der Klimawandel wirklich?

In letzter Zeit lese ich ab und zu, dass sich der Klimawandel zum Besseren entwickle. Das liege an der überraschenden Steigung der erneuerbaren Energieformen Photovoltaik und Windenergie weltweit, die frühere Annahmen zum Wachstum der Treibhausgase überholt haben.

Ein Artikel auf ORF online – „Missverständnis /Angepasste Szenarien: Klimawandel bleibt bedrohlich“ – versucht, grobe Missverständnisse wieder einzurenken.

Ja, es stimmt: (fast) niemand hätte vor 10 Jahren gedacht, dass die erneuer­baren Energie­formen die fossilen in der Preis­gestaltung und der Nachfrage überflügeln. Wir sind da als Welt­wirtschaft auf einem guten Weg und niemand kann den aufhalten. An sich. Es ist aber möglich, diese Entwicklung zu verlangsamen: z.B. Trump 2.0 „arbeitet“ daran – wir hatten das gerade vor Kurzem hier (als „Quaschning erklärt“ vom 19.5.)

Und was vor 10 Jahren auch kaum jemand gedacht hätte: wir haben einen enorm steigenden Bedarf nach Elektrizität: durch die KI. (Und natürlich durch die eh nötige Umrüstung des globalen Verkehrs und der globalen Industrie von fossilen auf erneuerbare Treibstoffe.) Die Tech-Konzerne, die hinter den KI-Programmen stecken, denken schon an eigene Kraftwerke für KI, an „kleine Atomkraftwerke“ – auch das hatten wir hier schon vor Kurzem („Kraftwerke im Wandel“ vom 16.5. und „Mini-AKWs“ vom 29.3.)

Heute lese ich:

Wissenschaftler des World Climate Research Programme (WCRP) veröffentlichten Anfang April einen Fachartikel, in dem sie verschiedene Szenarien für die fortschreitende Erd­erwärmung skizzieren. […] Das extremste Szenario (SSP5-8.5) sagte einen weltweiten Temperaturanstieg von fünf Grad Celsius und mehr voraus.
Das dafür nötige Ausmaß an Treibhausgasemissionen sei mittlerweile aber „un­plausibel geworden“, heißt es in dem Fachartikel.

Was heißt das? Das heißt, vor nicht allzu langer Zeit musste man noch mit Treibhausgasemissionen rechnen, die zu einem „Temperaturanstieg von fünf Grad Celsius und mehr“ führen könnten – im „worst case“, nur im „schlimm­sten Fall“. Das sei nun nicht mehr „plausibel“ wegen der „gesunkenen Kosten erneuer­barer Energien“, die in den vergangenen Jahren weit schneller als erwartet zugelegt haben.

Na toll: wir haben also einen absolut katastrophalen Temperaturanstieg von 5°C verhindert – nein: nur hinausgeschoben. Das ist keine wirkliche Erfolgsnachricht, das ist kein Grund für Jubelschreie. Ja: +5°C sind mit dem starken Anstieg erneuerbarer Energien nicht mehr (so schnell) zu befürchten. Die Worst-Case-Szenarien liegen derzeit bei +3,5°C „gegenüber der vorindustriellen Zeit“, „ein Wert, bei dem sehr schwerwiegende Klimafolgen zu erwarten sind“. Ja: +3,5°C macht die Bewohnung des Planeten extrem schwierig: Dürren, Hungersnöte, schwere Unwetter, Überschwemmungen, Bergstürze …

Das Pariser Ziel von 2015 – ich darf erinnern – lag bei „deutlich unter 2°C über dem vorindustriellen Niveau“, eigentlich sollte eine Erhöhung von maximal 1,5°C bis 2100 nicht überschritten werden. Die Latte von 1,5° haben wir de facto schon gerissen und vermutlich sind auch die 2°C nicht mehr zu halten – trotz der Steigerung der erneuerbaren Energien.

Und wie heiß wird es jetzt wirklich?

Das ist eine Frage an die Zukunft; die können also auch gescheite Wissenschafts-Teams nicht eindeutig beantworten. Sie entwickeln „Szenarien“: realistische Ausblicke auf das, was kommt, WENN sich die wesentlichen Bestandteile so oder so entwickeln. +5° kommt wahrscheinlich nicht; na toll. +1,5° haben wir 2026 de facto schon überschritten; bis 2100 werden auch +2°C kaum zu halten sein. Jedes Grad ist eines zu viel, jedes Zehntelgrad ist eines zu viel. Und die Hitze wird sehr teure Katastrophen verursachen; sie hat schon damit begonnen – zuletzt „Waldbrand bei Los Angeles“.

Und dann gibt es noch die „Kipppunkte“. Im ORF-Artikel wird das übersetzt mit „Punkten, ab denen sich negative Entwicklungen deutlich beschleunigen“. Das ist eine euphemistische, eine „gemütliche“ Übersetzung. Kipppunkte sind Momente, an denen ein System praktisch unumkehrbar kippt, sich also bleibend verändert. Ja, die gibt es; niemand kann genau wissen, wann sie eintreten, also wann wir sie überschreiten. Nur ein Beispiel von ca. 15 relevanten möglichen: wenn der „Golfstrom“ „kippt“, kommt kein warmes Wasser aus dem Golf von Mexico nach Großbritannien oder Skandinavien mehr. Dann wird es in Nordwesteuropa deutlich kälter. Und das lässt sich dann nicht schnell reparieren; das bleibt dann so.

Was ist zu tun?

Was ist zu tun? Jede und jeder von uns kann an seinen und ihren Lebens­umständen Dinge besser einrichten und Treibhaus­gase bzw. Energie einsparen. Stichwort: Fahrrad und Öffi statt Auto – wenn es geht. Usw.! Mit anderen sprechen, aufmerksam machen. Ich denke, das ist die individuelle Komponente, die wir uns nicht sparen sollten. Es ist nicht wurscht.

Aber nur als Masse individueller Initiativen wird es nicht gehen: der menschen­gemachte Klima­wandel ist kein Problem von Einzel­personen, er ist ein Problem der Gesellschaften. Er ist ein politisches Problem. Wir müssen das auch politisch angehen.

Jeder und jede von uns kann dazu beitragen, dass die Wahnsinnigen, die den menschengemachten Klimawandel immer noch leugnen, immer noch nicht wahrhaben wollen, immer noch wegschieben, nicht in Machtpositionen gewählt werden. Es ist auch ein Anliegen der Demokratie.

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