Veröffentlicht in allgemein, Bildung, Politik

„tertium datur“?
Gegen falsche Dichotomien, für eine Erweiterung des Denkraums

Dieser Artikel ist nicht fertig. Ich trage ihn schon lange mit mir herum und weiß gar nicht mehr, für wen er interessant sein könnte, welches Medium z.B. für eine Veröffentlichung in Frage käme.

Ich mach damit im Blog zum ersten Mal den Versuch, von gemeinsamer Textdiskussion zu gemeinsamer Textproduktion zu kommen.

Letztlich geht es um die Brechung von Denkblockaden innerhalb eines Denkens zwischen 2 Gegensätzen.

1. Vorspann

Die klassische Logik lehrt „tertium non datur“ – „es gibt nichts Drittes“, gemeint ist dabei zwischen „wahr“ und „falsch“. Das ist ein essenzieller Grundsatz; wenn es zwischen wahr und falsch was Drittes gäbe, wären z.B. sogenannte „indirekte Beweise“ nicht möglich. (Ein indirekter Beweis schließt aus der Tatsache, dass etwas als wahr angenommen wird und auf einen Widerspruch führt, dass es nicht wahr ist, also das Gegenteil wahr ist. Indirekte Beweise sind eine wesentliche Technik der Mathematik. Manches lässt sich nur indirekt beweisen.)

Das Prinzip wird aufgeweicht in der „Fuzzy Logic“, die den Raum zwischen den Polen wahr und falsch aufmacht; es wird auch aufgeweicht in der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zwischen 0 („unmöglich“, falsch) und 1 („sicher“, wahr) eine ganze Skala von Wahrscheinlichkeiten eröffnet.

Mir geht’s hier aber um etwas anderes. Es geht mir nicht so sehr darum „wahr“ und „falsch“ auszudifferenzieren. Es geht mir um ein „Drittes der anderen Art“. Es geht mir um eine Erweiterung des Denkens, um das Sprengen von Grenzen für das Denken.

2. Ein alter Witz

Die erste Idee für meinen Ansatz lieferte ein Anti-Nazi-Witz, für den man vor 75 Jahren auch im KZ sterben konnte:

„Die Deutschen haben 3 Eigenschaften. Sie sind intelligent, ehrlich und nationalsozialistisch. – ??? – Sie haben aber immer nur 2 dieser 3 Eigenschaften. Wenn sie ehrlich und nationalsozialistisch sind, sind sie nicht intelligent. Wenn sie intelligent und nationalsozialistisch sind, sind sie nicht ehrlich. Und wenn sie intelligent und ehrlich sind, sind sie ganz sicher nicht nationalsozialistisch.“

(Ich hab diesen Witz vor einigen Jahren auch auf Haider angewendet, mit einer ironischen Austrifizierung: „Die Österreicher haben 3 Eigenschaften. Sie sind g’scheit, g’miatlich und sie wählen den Haider. Sie haben aber immer nur 2 dieser 3 Eigenschaften. Wenn sie g’scheit sind und den Haider wählen, san’s ned g’miatlich. Wenn sie g’miatlich sind und den Haider wählen,  san’s ned g’scheit. Und wenn sie g’scheit und g’miatlich sind, wählen sie sicher ned den Haider.“)

3. „Immer nur zwei von drei“

Das ist die Grundstruktur, um die es geht: „immer nur 2 von 3“. Das macht gedanklich ein Dreieck auf; das passt nicht mehr auf eine Linie. Das geht nicht zwischen 2 „Pole“. Da tut sich eine „Ebene“ auf. Etwa so:

ien(Ähnliches passiert in der Mathematik, wenn die reellen Zahlen zu den komplexen Zahlen erweitert werden: wir haben nicht mehr eine „Zahlengerade“, sondern eine „Zahlenebene“.)

Mit dem Muster „nur 2 von 3“ lassen sich vermeintliche Gegensätze auflösen. Nein: nicht auflösen, sondern produktiv nutzen. Es hat mich z.B. immer gestört, die Menschen in rationale (vernünftige) und emotionale (gefühlsbetonte) geteilt zu sehen. Meines Erachtens kann ein Mensch beides sein. Und er / sie muss sich da nicht auf einer Skala irgendwo zwischen gefühlsbetont und vernünftig einordnen lassen. Man kann beides ganz sein – „intelligent und ehrlich“, „emotional und rational“! Die Frage ist, was das jeweils Dritte (nicht zwischen, sondern) neben rational und emotional ist.

(Außerdem gibt es noch das „Innere“ des Dreiecks. Dort wären z.B. die Menschen anzusiedeln, die nicht ganz intelligent, nicht ganz ehrlich und nicht ganz nationalsozialistisch sind.)

4. Beispiele und Anwendungsbereiche

Das Muster 2 von 3 gibt es oft. Ich habe in den letzten Jahren z.B. gesammelt:

a) die Facharbeiter-Version: „Chef, ich arbeite schnell, gut und billig. Suchen Sie sich 2 davon aus.“

b) die Bankbeamter-Version: Geldanlagen sind ertragreich, sicher und verfügbar … aber nur 2 von 3. (Von Ökonomielehrern hab ich das oft schon als „Anlagepyramide“ gehört, aber das ist natürlich Unsinn; es handelt sich um keinerlei Pyramide, sondern lediglich um ein Dreieck.)

c) die Software-Version: Computerprogramme sind leistungsfähig, schnell und zuverlässig … aber nur 2 von 3!

d) die (un-)religiöse: Gott ist allmächtig, allgütig und allwissend … aber sicher nur 2 von 3.

e) die didaktische: Lernen geschieht schnell, gründlich und aus Erfahrung …

f) Manche Leute glauben, dass Sex, Erotik und Sicherheit in einer nur-2-von-3-Beziehung stehen. (Ich möcht das nicht glauben.)

g) Ein verwandtes staatsphilosophisches Dreieck nach dem Muster „2 von 3“ findet sich bei Immanuel Kant. Kant unterscheidet 4 Staatsformen:
„A: Gesetz und Freiheit ohne Gewalt (Anarchie).
B. Gesetz und Gewalt ohne Freiheit (Despotism).
C. Gewalt ohne Freiheit und Gesetz (Barbarei).
D. Gewalt mit Freiheit und Gesetz (Republik).“
wobei Kant das Muster „2 von 3“ nur in A und B einhält; C ist 1 von 3; D ist 3 von 3.
(s. z.B. http://www.korpora.org/kant/aa07/330.html)

h) Der Kabarettist Alfred Dorfer hat den „Widerspruch“ von yin und yang auf gut österreichisch mit wurscht erweitert. „Das haben wir den Chinesen voraus.“ Das könnte auch auf 2 von 3 hinauslaufen: wenn etwas yin und yang ist, ist es nicht wurscht. Wenn etwas bloß yin oder yang ist, ist es auch wurscht.

* * *

5. Ein offenes Feld

Wer kennt noch mehr?

Und wie sieht z.B. „das Dritte“ neben emotional und rational aus? „einseitig“? „dumpf“?

Und welches Medium könnte sich für so einen Text interessieren? Es ist nicht Mathe, es ist nicht Deutsch, es ist nicht Informatik. Es ist nicht Ökonomie. Es ist von allem irgendwie etwas.

Und ist das Thema überhaupt interessant? Ist die Sache womöglich banal? Ist das womöglich eh schon alles hundertfach durchgekaut um den Begriff „Triade“ in verschiedenen Philosophien, von den Vorsokratikern bis Hegel? Eine Variante von These – Antithese – Synthese in der Dialektik? Etwas, das schon im Christentum als „Dreifaltigkeit“ erscheint? Uralt und an sich selbstverständlich?

Ich glaube zwar nicht: es geht nicht um irgendein Zusammenspiel von 3en, um Triaden an sich, sondern um „nur 2 von 3“ als Befreiung von bipolarem Denken.

* * *

6. Im Deutschunterricht und darüber hinaus

In unserem Deutschunterricht bringen wir Studierenden bei, Pro- und Contra-Argumente zu einem Thema abzuwägen und dann selbst Stellung zu beziehen. Mit der Fixierung auf Pro und Contra legen wir ihnen den Gedanken an eine Skala zwischen 0 und 1, „dafür“ und „dagegen“ nahe. Das ist oft nicht sinnvoll. Es kann etwas Drittes (oder Viertes oder Fünftes) geben, das nicht zwischen, sondern neben Pro und Contra liegt und das das wirklich Interessante wäre.

Meine Vermutung ist, dass das Muster „nur 2 von 3“ ein großes Potenzial bereithält. Es kann uns aus linearem, im wahrsten Sinn des Wortes eindimensionalen Denken befreien, aus der Fixierung zwischen 2 Polen. Es kann uns Perspektiven eröffnen, die nicht zur Verfügung stehen, wenn man in Dichotomien (binären Gegensätzen) gefangen bleibt.

Auf die Frage, was denn das Dritte (nicht zwischen, sondern) neben ist, gibt die Vektorrechnung in einem gewissen Sinn eine Antwort: Wenn ich auf der Basis über 2 Punkten A und B ein (gleichseitiges) Dreieck aufziehen will, gibt es in 2 Dimensionen nur (aber immerhin) 2 Lösungen – nach oben oder nach unten. In 3 Dimensionen gibt es bereits unendlich viele Lösungen. Als „Drittes“ kommen in einem „semantischen Raum“, der aus mehr als 2 Dimensionen besteht (und ich denke, jeder realistische semantische Raum tut das), dann bereits sehr viele durchaus verschiedene Dinge in Frage. Es muss also als das „Dritte“ neben A und B nicht nur ein C geben; es kann viele Cs  geben.


unfertig …

3
einladung zur diskussion. alle sind gescheiter als einer.

avatar
2 Kommentar Themen
1 Themen Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf das am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar Thema
2 Kommentatoren
Whiskermichael bürkle Letzte Kommentartoren
  Subscribe  
neuesten ältesten am meisten bewertet
Benachrichtige mich bei
Whisker
Guest
Whisker

Ein Einwand zum Beispiel mit Gott aus Punkt 4: Gott kann gar nicht zugleich allmächtig und allwissend sein. 1) Nehmen wir mal als Arbeitshypothese kurz an, Gott würde existieren. 2) Wäre dieser Gott allwissend, ergäbe sich daraus zwingend, dass er auch bereits jede seiner zukünftigen Entscheidungen genau kennen würde. Damit besäße er aber eben keine Entscheidungsfreiheit mehr, sondern wäre daran gebunden, so zu handeln, wie er es vorausgesehen hat. Und das stünde im direkten Widerspruch zur Eigenschaft „allmächtig“. 3) Allmacht als Joker auszuspielen, nützt da jetzt auch nichts. Denn würde dieser Gott anders handeln als er es vorausgesehen hätte, müßte… Mehr »