Veröffentlicht in Bildung

„VWA“ – dringender Reformbedarf

In meinen knapp 3 Jahren Direktorentätigkeit war (bzw. bin) ich Vorsitzender in 3 Maturakommissionen. Ich habe in dieser Zeit insgesamt 51 „Vorwissenschaftliche Arbeiten“ gelesen und mir über die jeweilige Beurteilung Gedanken gemacht. (Dabei haben wir an meiner eigenen Schule noch gar keine VWAs.)

Der Zustand

Von diesen 51 Arbeiten waren etwa 10 gute, interessante Arbeiten. Etwa 20 waren bemühte, fleißige Arbeiten, denen die Überforderung anzumerken war. Die restlichen Arbeiten waren Ergebnisse hoffnungsloser Überforderung in Planung, Sprache, Methode und Inhalt.

Überfordert sind nicht nur die jungen Menschen selbst, die sich ein „vorwissenschaftlich“ bearbeitbares Thema suchen sollen und dies dann bearbeiten sollen – ohne dass ihnen irgendjemand sagen kann, was man unter vorwissenschaftlich verstehen soll und die auch noch wenig Ahnung darüber haben, was denn wissenschaftlich wäre. Überfordert sind auch die LehrerInnen als BetreuerInnen, die auf völlig verschiedenen Niveaus korrigieren bzw. korrigierend eingreifen, die zum Teil „vom Fach sind“ und zum Teil keineswegs, die aber – ob sie wollen oder nicht – Arbeiten betreuen müssen, von deren Inhalt sie wenig verstehen. Überfordert sind die Schulen, die sich aus dem Ärmel einzelner Lehrkräfte „Handreichungen“ zum „vorwissenschaftlichen Arbeiten“ (z.B. zum Zitieren) zaubern, an die sich dann mangels Verbindlichkeit niemand hält. In Kommissionsberatungen stellt sich dann heraus, dass niemandem aufgefallen ist, dass das Thema eigentlich keiner Art wissenschaftlicher Behandlung zugänglich ist, dass die verwendete Zitierweise nicht akzeptabel ist, dass „es“ aber „geheißen“ habe, man dürfe das so machen. Schulen sollen ihren SchülerInnen „vorwissenschaftliches Arbeiten“ beibringen, ohne dass es dazu ein Schulfach gibt. (Manche Schulen, auch wir, haben eines. In anderen Schulen wird das in „workshops“ erledigt, neben dem normalen Unterricht. Man kann etwas nicht prüfen, wenn man es nicht ordentlich unterrrichtet!)

Es ist ein Trauerspiel insgesamt. Dabei verkenne ich nicht, dass es junge Leute mit 17 und 18 gibt, die in der Lage sind, über mehrere Wochen ein durchaus interessantes Thema schlüssig in einem vernünftigen Text mit einer nachvollziehbaren Methodik zu behandeln. (Ich verkenne aber auch nicht, dass die Förderung im Elternhaus über Eltern mit mehr oder weniger akademischer Erfahrung eine erhebliche Rolle spielen kann. Gerecht verteilt sind die Voraussetzungen für eine VWA nicht.)

Es besteht dringender Reformbedarf.

Die Alternative: „FBA“

Ich schlage vor, schnellstens zur Fachbereichsarbeit des alten Maturamodells zurückzukehren. Die Fachbereichsarbeit alten Stils hatte mehrere Vorteile:

  • Sie war optional. Wer eine schreiben wollte, konnte das tun. Das war für wissenschaftlich interessierte junge Menschen, die nach der Matura studieren wollten, eine realistische Alternative
  • Sie gehörte zu einem Fach, einem Schulfach. Damit war ein klarer inhaltlicher Rahmen gegeben, der vom Prinzip her wissenschaftliche (oder „vorwissenschaftliche“) Herangehensweise ermöglichte, der Raum für Vertiefung schuf
  • Sie konnte schief gehen. Wenn sie schief ging, musste man halt eine mündliche Matura in einem anderen Fach absolvieren

Mit der „VWA“ zwingen wir junge Menschen, die von „Wissenschaft“ keine Ahnung haben und auch gar keine Ahnung haben wollen (weil sie gar nicht studieren wollen), sich als als-ob-WissenschaftlerInnen abzuquälen. Wir gaukeln ihnen vor, dass jedes Thema (vor-)wissenschaftlich behandelbar sei – auch das eigene Hobby oder das des Vaters, und wir bringen die Schulen in Situationen, in denen man eigentlich ein „Nicht genügend“ aussprechen müsste, das aber moralisch nicht kann.

Letztlich vermitteln wir einer Generation junger Leute einen falschen Wissenschaftsbegriff. Und das ist der eigentliche Schaden.

Beispiele

Ich kann Beispiele nennen, nur ein paar von x, die möglich wären …

Engel als Forschungsobjekte

Ich denke z.B. an die Arbeit der jungen Frau, die über die Erzengel Michael, Gabriel und Rafael schrieb, als ob das wirklich existierende Forschungsobjekte wären. Die auf Nachfrage auch bestätigte, dass sie die Erzengel für real existierende Wesen halte, die man wissenschaftlich erforschen könne – weil das die Heilige Schrift so sage. Die diese Arbeit an einer katholischen Privatschule schrieb und dabei von ihrem Religionslehrer betreut wurde. Die sich auf „wissenschaftliche“ Literatur stützte wie „Alfred Läpple: Engel – Die Boten Gottes in Kultur und Glauben“.

Natürlich: wie kann eine 18jährige unter Leitung ihres Religionslehrers an einer katholischen Privatschule diese Problematik erkennen?

(Die Arbeit hatte auch einen im weitesten Sinne kunstgeschichtlichen Teil, der sich um die Darstellung der Erzengel in Tiroler Kirchen kümmerte. Der war interessant. Letztlich wurde die Arbeit mit „Sehr gut“ beurteilt – ich habe als Vorsitzender die Note nicht „ausgesetzt“, weil Teile der Arbeit an sich gut waren und die mangelnde Betreuung und Reflexion durch Schule und Betreuungslehrer nicht auf dem Rücken der Kandidatin auszutragen war.)

Videospiele sind unschädlich

Ein junger Mann zieht aus, um „die positiven und negativen Effekte von Videospielen“ darzulegen. Und kommt auf eine einzige negative Auswirkung: Adipositas durch Bewegungsmangel. Aber auf viele positive Auswirkungen. Er belegt diese durch einen „Feldversuch“, der sich als Videospielnacht mit Freunden herausstellt, die nach dem Videospiel keine schlechteren Konzentrationswerte haben als davor. Auf Seite 28 kommt er zum Schluss „Allerdings weisen mehrere Studien darauf hin, dass die positiven Effekte weitaus öfter und stärker in Erscheinung treten, als negative. Dies konnte auch in meinem Feldversuch nachgewiesen werden.“

Eine Arbeit voller sprachlicher Unzulänglichkeiten, die aber von Direktor, Klassenvorstand und Betreuer einstimmig als „Gut“ bewertet wird. Der junge Mann hatte sich Verdienste als Schulsprecher erworben.

(Hier war ich knapp davor, die Note auszusetzen, habe es aber unterlassen.)

„Strategiefehler und Kriegsverbrechen der Wehrmacht“

Oder ich denke an den jungen Mann, der es schaffte, eine ganze Arbeit über die „deutsche[n] Wehrmacht im 2. Weltkrieg, ihre[n] strategischen Fehlentscheidungen sowie ihre[n] Kriegsverbrechen“ zu schreiben, ohne das Wort Nationalsozialismus auch nur zu verwenden. (Ein einziges Mal kam Nationalsozialisten vor; sonst nichts.)

Das Bitly-Literaturverzeichnis

Dass Literaturverzeichnisse in sehr vielen Fällen ausschließlich Link-Sammlungen ins Internet sind, ist eine traurige Wahrheit. Dass sie alfabetisch geordnet sind eine Ausnahme. In einer Schule wurde in manchen Arbeiten generell nach der Methode „Wikipedia 2017“ zitiert. Den Vogel schoss jener junge Mann ab, der zwar keinerlei Literaturverzeichnis, aber doch eine Art „Quellenverzeichnis“ vorlegte, das folgendermaßen aussah:

https://bit.ly/2z1b5Z. [26.12.18]
https://bit.ly/2AphP.z [26.12.18]
https://bit.ly/2S6O.FW [26.12.18]
https://bit.ly/2ET.qgp [30.12.18]
hps://bit.ly/2V.tNVJ [30.12.18]
hps://bit.ly/2.K2Hrq [3.1.19]
https://win.gs/2yITPI. [3.1.19]
https://win.gs/2RYXz.u [3.1.19]
https://win.gs/2RV8.Ir [19.1.19]
https://bit.ly/2FK.xxi [19.1.19]
https://win.gs/2S.t4UO [19.1.19]
https://bit.ly/2D.ygxD [11.2.19]
[Projektpartnerbroschüre] Ausgabe NR 3 (s 7, 33-40, 53-54)
[Projektpartnerbroschüre] Ausgabe NR 6 (s 7, 19, 40)

(Ich habe – der Anonymität halber – in jedem Link einen Buchstaben durch einen Punkt ersetzt.)

Man muss sich als Betreuer und man müsste sich als Vorsitzender jeden einzelnen dieser Links anklicken, um darauf zu kommen, was da zitiert ist. Ich übermittelte meine Einwände im Vorfeld an die Direktion; die Kommission kam auf meine Einwände hin per Diskussion zur Erkenntnis, dass das so eigentlich nicht gehe, dass das niemand so empfohlen oder erlaubt habe – und einigte sich dann einstimmig auf ein „Genügend“. (Mehr wäre sowieso nicht drin gewesen.)

Alle sind überfordert

Kurz und schlecht: (fast) alle sind überfordert. Schülerinnen und Schüler. LehrerInnen als BetreuerInnen. Schulen als Institutionen. Auch Vorsitzende wie ich: wir kommen von außen, sehen die Stärken und die Schwächen (oder sehen über sie hinweg) und können Ratschläge geben: mehr auch nicht. Wir haben kein Stimmrecht; wir könnten allenfalls eine uns gravierend falsch erscheinende Note aussetzen. (Dann ginge die Sache an die Landesbildungsdirektion,)

Es ist sicher sinnvoll, jungen Menschen, die sich dafür interessieren, so eine Arbeit als Option innerhalb einer Reifeprüfung zu ermöglichen. Das würde auch dazu führen, dass das BetreuerInnen übernehmen können, die in der Sache sicher sind und zuverlässigen Rat geben können. Das würde auch einen Weg hinaus „mit Anstand“ ermöglichen, wenn es daneben geht.


Lit.:
Bürkle, Michael (2017): Neue Matura kennengelernt …
Bürkle, Michael (2018): Vor-Wissenschaft?

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einladung zur diskussion. alle sind gescheiter als einer.

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Whisker

> ohne dass ihnen irgendjemand sagen kann, was man unter _vorwissenschaftlich_ verstehen soll
Ich interpretiere jetzt einmal „vorwissenschaftlich“ einfach mal sarkastisch auf zwei Arten:

1) Eine schriftliche Arbeit, die jemand ohne jegliche Kenntnisse über wissenschaftliche Arbeitsweise verfaßt hat, also z.B. eine Schularbeit.

2) „Vorwissenschaftlich“ könnte man aber auch im historischen Sinne auffassen, d.h. ein Text aus einer Zeit, als noch keinerlei Grundsätze existierten, wie man systematisch wissenschaftlich arbeitet, also z.B. ein Evangelium oder etwas in der Art. *ggg*