Veröffentlicht in allgemein, Bildung, Politik

Rechtfertigungsstrategien

Ich komme in den letzten Wochen mit recht vielen Menschen zusammen, die fliegen wollen oder müssen und sich dafür Rechtfertigungsstragien überlegen.

1. Die Alten

Gestern mit einer alten Freundin nach einem Theaterbesuch gesprochen. Thema danach: klimagerechtes Handeln. Ich weiß, dass sie mit ihrem Mann immer wieder in verschiedene Urlaubsdestinationen fliegt. Beide genießen ihre Pension: sie wird 75.

Sie ist politisch seit Jahrzehnten „grün“ und weiß sehr wohl, dass Fliegen an sich klimaschädlich ist. Aber sie sagt:

Als junger Mensch bin ich nie geflogen. Jetzt will ich es genießen.

(Aber sie ahnt, dass das unverantwortlich ist. Jedenfalls hab ich ihr das gesagt. Ich bin da recht direkt.)

2. Die Jungen

Junge Menschen wollen etwas von der Welt sehen; sie spüren, dass das mit dem Fliegen nicht so billig bleibt, wie das in den letzten Jahren (völlig absurd!) so war.

Sie sagen:

Ich werde mir das Fliegen bald nicht mehr leisten können. Ich muss also jetzt!

(Aber viele ahnen, dass das unverantworlich ist. Nein: sehr oft „muss“ man nicht. Ja, es gibt „Flugscham“, eine durchaus natürliche Empfindung.)

3. Die Beschäftigten

Ein junger Mensch, sehr engagiert, Krankenpfleger, muss zu einem europäischen Krankenpflegekongress. Der findet in Glasgow statt. Er hat die Wahl!

Z.B. per Eisenbahn:

Innsbruck – Glasgow: z.B. 20:44 in Innsbruck ab, 16:03 in Glasgow an, Dauer 20 Stunden 19 Minuten (Zeitzone!), 4 mal Umsteigen in Frankfurt (62 Min. Aufenthal), Köln (41 Min.), Brüssel (76 Min.), London (30 Min.)

(Andere Zugverbindungen – z.B. Innsbruck-München-Stuttgart-Paris-London-Glasgow – sind nicht wirklich besser.)

Z.B. per Flugzeug:

Innsbruck – Glasgow: z.B. 14:25 Innsbruck ab, 18:45 Glasgow an, Dauer 5 Stunden 20 Minuten (Zeitzone!), 1 mal Umsteigen in Frankfurt (140 Min. Aufenthalt)

(Andere Flugverbindungen sind ähnlich.)

Ich denke, dem jungen Mann kann man durchaus den Flug empfehlen. Innsbruck-Glasgow ist keine Strecke, auf der die Eisenbahn konkurrieren kann. Nicht einmal Nachtzüge lösen das Problem wirklich.

Die Frage ist freilich: Muss man einen europäischen Krankenpflegeprozess tatsächlich am äußersten Rande Europas in Glasgow ansetzen? Ist das sinnvoll? Oder hat da wer was großspurig verplant?

4. Conclusio

Ich denke, man kann und soll den größten Teil des europäischen kontinentalen Flugverkehrs durch die Eisenbahn ersetzen. Das kann man politisch machen, indem man bestimmte Flüge verbietet; das kann man ökonomisch machen, indem man Preiswahrheit herstellt. Bestimmte Reisekonstellationen werden damit allerdings spürbar länger. Man wird auf Flugverkehr bis auf Weiteres nicht völlig verzichten können. Viele „Beschäftigte“ werden weiterhin Flugzeuge brauchen; allenfalls lassen sich viele Businessflüge auch durch Videokonferenzen ersetzen. (Aber ein Krankenpflegekongress halt nicht wirklich.)

5. Und ich?

Ich bin 65 und in meinem Leben 3 mal geflogen. Einmal beruflich für meine Schule im Rahmen eines Eurasmus-Projekts die Strecke Innsbruck-Östersund (in Mittelschweden), 2 mal privat: einmal Innsbruck-Amsterdam mit meiner Frau zu holländischen Freunden und einmal Innsbruck-Paris mit meiner Frau einfach so.

Das wars. Mir geht nichts ab.

In Amsterdam waren wir noch ein zweites Mal; sehr angenehm und entspannt mit dem Nachtzug. Den gibt es wieder.

6. Politik?

Wir könnten als Menschen vernünftig sein und Fliegen selbst und freiwillig auf das allermindeste Maß beschränken. Das wäre elegant. Das würde vor allem „die Alten“ und „die Jungen“ bei ihren Reiseplänen betreffen. Urlaub per Bahn und Bus! Ja, das geht. Ich habs probiert!

Wir können den Menschen nicht so viel Vernunft zutrauen und regelnd eingreifen. Das kontinentale Fliegen verbieten – mit Ausnahmen, wenn keine einigermaßen gleichwertige Zugverbindung herstellbar ist. Wenn wir das nicht tun, wird uns die Ökonomie einholen: irgendwann (bald!) werden fossile Brennstoffe ausgehen und in den Jahren davor werden sie enorm teuer – noch viel teurer als jetzt. Dann fliegen nur mehr die Reichen, die in der Lage sind, „kostenwahre“ Preise zu bezahlen.

Wir können als Gesellschaft – so wie bisher – natürlich weiterhin das Fliegen mit Steuergeldern subventionieren und damit den ökologischen Kollaps beschleunigen. Dann hat es sich mit dem Fliegen sowieso: für die Alten, für die Jungen, und auch für die Beschäftigten. Dann gehts ums Überleben.

 

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